Die diesjährige Internationale Arbeitskonferenz, die gegenwärtig in Genf tagt, ist von scharfen Auseinandersetzungen über zwei grundlegende Fragen geprägt: die schleppende Ratifizierung des Washingtoner Achtstundentag-Abkommens und die Zulassung der faschistischen Arbeitervertreter aus Italien.[1]
Besonders die Debatte über den Geschäftsbericht des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, offenbarte die tiefe Unzufriedenheit der Arbeiterschaft.[1] Vertreter aus zahlreichen Ländern, darunter England und Frankreich, beklagten mit deutlichen Worten das Zögern ihrer Regierungen, die internationalen Abkommen in nationales Recht umzusetzen.[1] Demgegenüber gaben nur die Regierungsvertreter Deutschlands, Belgiens und Frankreichs positive Erklärungen hinsichtlich einer baldigen Ratifizierung ab.[1]
In seiner mit Spannung erwarteten Erwiderung verteidigte Direktor Thomas die bisherige Bilanz der Arbeitsorganisation.[2] Er räumte ein, dass die wirtschaftliche Lage eine Voraussetzung für den Fortschritt der Sozialgesetzgebung sei. Die Kritik der Regierungen wies er jedoch zurück.[2] Von den zur Durchführung des Programms notwendigen Ratifizierungen liege immerhin schon ein Drittel vor.[1][3] Konkret sei die Konvention zur Arbeitslosigkeit von 15 Ländern und jene gegen die Nachtarbeit von Kindern von 16 Staaten angenommen worden.[2][3] Das Washingtoner Abkommen über den Achtstundentag sei freilich erst von neun Staaten ratifiziert worden, darunter vorbehaltlos nur von der Tschechoslowakei und Chile.[2][3] Dennoch erkennt Thomas in der Einigung der Arbeitsminister der großen Industriestaaten auf der Londoner Konferenz einen bedeutenden Fortschritt. Diese Einigung habe den Weg zur Ratifizierung geebnet.[1][2] Ohne das Abkommen, so meinte der Direktor, hätten die Arbeiter in manchen Ländern angesichts der Wirtschaftskrise den Achtstundentag sicherlich wieder eingebüßt.[1][2]
Zu einem Eklat kam es während der Rede des italienischen faschistischen Arbeitervertreters.[2] Sobald dieser die Tribüne betrat, verließen sämtliche Arbeitervertreter demonstrativ den Saal.[2] Die Auseinandersetzung setzte sich in der Debatte über die Gültigkeit des Mandats von Rossoni, dem Generalsekretär der faschistischen Gewerkschaften, fort.[1][4] Die Arbeiterdelegierten Mertens aus Belgien und Jouhaux aus Frankreich sprachen sich in schärfster Form gegen die Anerkennung aus.[1] Sie protestierten gegen die Unterdrückung der Organisationsfreiheit und des Streikrechts in Italien.[1] Dem *Vorwärts* zufolge hat die Arbeitergruppe einen Entschließungsantrag eingebracht, der die Londoner Einigung als Fortschritt wertet, aber betont, dass damit für die beteiligten Regierungen keine Hindernisse gegen die Ratifizierung mehr bestünden.[2]
Der Italiener Rossoni verteidigte in seiner Gegenrede die aus seiner Sicht für die Arbeiter verbesserten Gesetze seines Landes.[4] Laut der *Deutschen Allgemeinen Zeitung* kritisierte er, dass die sozialistischen Delegierten zwar Anklage erhoben, aber vor der Antwort des Beklagten den Saal verlassen hätten.[4] Dem Streik sprach er jeden volkswirtschaftlichen Wert ab und bezeichnete ihn als „revolutionäre Gymnastik“ der Sozialisten.[4] Er schloss seine Ausführungen mit der Forderung, man müsse auf der Konferenz nicht nur Italien, sondern auch Mussolini respektieren.[1]
Der Vorsitzende der Konferenz wies den Vorwurf zurück, er habe einen Angriff gegen eine Regierung geduldet; es sei lediglich Kritik an bestimmten Gesetzen geäußert worden, was nicht unzulässig sei.[1] In der anschließenden namentlichen Abstimmung wurde das Mandat Rossonis mit 68 gegen 31 Stimmen genehmigt.[1] Die deutschen Regierungs- und Unternehmervertreter stimmten für die Anerkennung, während der deutsche Arbeitervertreter Hermann Müller dagegen stimmte.[1]