Die ägyptische Krise, die durch den Ausgang des Mordprozesses um den Oberbefehlshaber Sir Lee Stack ausgelöst wurde, hat sich in den letzten Stunden bedrohlich zugespitzt. Die britische Regierung hat der Regierung in Kairo eine scharfe Note übermittelt und zur Unterstreichung ihrer Forderungen das Schlachtschiff „Resolution“ von Malta nach Alexandria beordert.[1][2][3]
Die unmittelbare Ursache der Verstimmung liegt in dem Urteilsspruch eines Kairoer Gerichtshofes. Dieser Gerichtshof sprach vergangene Woche sechs von sieben Angeklagten im Prozess um die Ermordung des Sirdars (Oberbefehlshabers) im Jahre 1924 frei.[1][4] Der englische Vorsitzende Richter des Berufungsgerichts, Herr Kershaw, ist daraufhin von seinem Amt zurückgetreten.[1][2] Nach seiner Überzeugung stellt das Urteil eine falsche Auslegung des Gesetzes dar.[1] Wie die „China Mail“ berichtet, bezeichnete er den Spruch als eine schwere Fehlentscheidung der Justiz, weil er dem Gewicht der Beweise widerspreche.[5]
Die Reaktion aus London erfolgte prompt. In einer diplomatischen Note teilte die englische Regierung mit, dass sie es ablehne, den Urteilsspruch anzuerkennen.[1] Man nehme das Urteil vorläufig nicht als Beweis für die Unschuld der Angeklagten hin. Großbritannien behalte sich jegliche Maßnahmen vor, die erforderlich seien, um die Sicherheit der Ausländer in Ägypten zu gewährleisten.[4][2] Um diesen Worten Nachdruck zu verleihen, erhielt das Schlachtschiff „Resolution“ unter dem Kommando von Konteradmiral Staveley den Befehl, unverzüglich nach Ägypten auszulaufen.[4][3] Mehrere andere Kriegsschiffe sollen Befehl erhalten haben, sich für eine mögliche Abfahrt bereitzuhalten.[1][6]
Diese militärische Geste wird allgemein als ein Mittel verstanden, um auf die bevorstehende Neubildung des ägyptischen Kabinetts Druck auszuüben.[1] Nach dem überwältigenden Sieg der Nationalisten unter Zaglul Pascha bei den jüngsten Wahlen gilt die Lage in Londoner Regierungskreisen als ausgesprochen ernst.[2] Es wird erwartet, dass der amtierende Ministerpräsident Ziwar Pascha in Kürze zurücktritt. König Fuad wird dann voraussichtlich Zaglul Pascha mit der Regierungsbildung beauftragen.[2]
Die britische Haltung gegenüber einer künftigen Regierung Zaglul ist jedoch von tiefem Misstrauen geprägt. Aus dem „Berliner Tageblatt“ geht hervor, dass der britische Oberkommissar, Lord Lloyd, in einer Unterredung mit Zaglul Pascha bereits Bedingungen für dessen Ernennung zum Ministerpräsidenten gestellt hat.[1] Die „Morning Post“ nennt hierzu vier zentrale Punkte, die Zaglul annehmen müsse: die Ernennung eines britischen Ratgebers für das Innenministerium, die Zustimmung des Oberkommissars zur Person des Innenministers, die Berufung von drei britischen Ratgebern an das Appellationsgericht sowie die Anerkennung, dass die Fragen des Sudan und der Oase Dscharabub als erledigt zu betrachten seien.[1][6]
Die Haltung Zagluls wird als unnachgiebig beschrieben.[3] Die englische Presse macht keinen Hehl aus den britischen Interessen. Die „Financial Times“ erklärt in einem Leitartikel, Großbritannien könne auf das Recht, die auswärtige Politik Ägyptens zu kontrollieren und ein wichtiges Glied in den Verbindungen des britischen Reiches zu schützen, keinesfalls verzichten.[1][6] Wenn Zaglul Pascha seine Tätigkeit auf die innere Gesetzgebung beschränke, werde er nach Ansicht des Blattes keine Einmischung zu befürchten haben.[6] In einer Anfrage im Unterhaus gab sich Außenminister Chamberlain zu den Anweisungen an Lord Lloyd unterdessen bedeckt und verwies auf die laufenden Verhandlungen.[2]