Unter ungewöhnlich starkem Andrang der Öffentlichkeit und der Presse begann der französische Senat am Donnerstagnachmittag die entscheidende Debatte über die Ratifizierung der Verträge von Locarno.[1] Obwohl die außenpolitische Kommission des Hauses die unveränderte Annahme des bereits von der Kammer verabschiedeten Gesetzes empfahl, zeichnete sich von Beginn an eine scharfe Auseinandersetzung ab.[1] Den Mittelpunkt der anfänglichen Verhandlungen bildete ein Antrag des Senators Lemery, die Ratifizierung bis nach dem vollzogenen Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zu vertagen.[2]

### Misstrauen gegen die deutsche Ostpolitik

Senator Lemery begründete seinen Antrag mit tiefgreifenden Bedenken, die durch den kürzlich abgeschlossenen deutsch-russischen Vertrag entstanden seien.[2][1] Zwar habe Deutschland in Locarno erstmals freiwillig einen Teil seiner Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag anerkannt und mit der Annahme der Schiedsgerichtsbarkeit scheinbar mit seiner bisherigen Machtpolitik gebrochen.[1] Dieses erfreuliche Ergebnis sei jedoch, so der Senator, durch das Berliner Abkommen mit Sowjetrussland wieder hinfällig geworden.[1] Der Vertrag sei gegen den Völkerbund gerichtet und stelle in Wahrheit ein Verteidigungsbündnis gegen Genf dar.[2]

Lemery führte aus, dass das deutsch-russische Abkommen dem Völkerbund sein moralisches Ansehen und seine Autorität als Schiedsrichter raube.[2] Insbesondere werde die wirtschaftliche Blockade als einzige wirksame Waffe des Bundes außer Kraft gesetzt.[2][1] Nach den Bestimmungen des Vertrages behielten sich die beiden Mächte das Recht vor, selbst über die Frage des Angreifers zu entscheiden, was den Schiedsspruch des Völkerbundrates wertlos mache.[2] "Was hat dann noch die Entscheidung des Bundes für einen Wert?", fragte der Senator rhetorisch und verwies auf den Begleitbrief des deutschen Außenministers Stresemann.[2] Deutschland müsse sich öffentlich entscheiden, ob es seine Politik nach dem Westen oder nach dem Osten ausrichten wolle.[1]

### Briand droht mit dem Scheitern des Gesamtwerkes

Außenminister Briand trat dem Vertagungsantrag mit größter Entschiedenheit entgegen.[1] Eine erneute Hinausschiebung der Ratifizierung, erklärte er, würde das gesamte Werk von Locarno zunichtemachen.[1] Sollte der Senat dem Antrag zustimmen, wäre er, Briand, nicht mehr in der Lage, die weitere Verantwortung für die französische Außenpolitik zu tragen.[1] Wenn die Verträge bis zur kommenden Völkerbundtagung nicht ratifiziert seien, so die Warnung des Ministers, könnte Deutschland darin einen willkommenen Vorwand finden, seinen Eintritt von sich aus zu verschieben oder gar zurückzuziehen.[3][2][4] „Wenn Sie die Vertagung der Debatte durchsetzen“, rief Briand in den Saal, „dann sind die Locarnoverträge wertloses Papier.“[3]

Der Außenminister erinnerte daran, dass er nach der Unterzeichnung bewusst auf eine sofortige Ratifizierung verzichtet habe, um jede gefährliche Improvisation zu vermeiden.[2] Nun aber sei der Augenblick der Entscheidung gekommen.[2] Nach dieser energischen Intervention lehnte der Senat den Vertagungsantrag Lemerys ab und trat in die allgemeine Aussprache ein.[3][2]

### Millerand für Ratifizierung ohne Illusionen

Mit großer Spannung wurde die Rede des früheren Staatspräsidenten Millerand erwartet.[2] Er erklärte, der Pakt von Locarno sei überhaupt erst notwendig geworden, weil die Vereinigten Staaten ihre Zusage, die französische Sicherheit zu garantieren, nicht eingehalten hätten.[4] Millerand äußerte sodann ernste Bedenken gegen das Vertragswerk. Insbesondere hob er hervor, dass England und Italien als Garantiemächte künftig keine Militärbündnisse mehr mit Frankreich schließen könnten. Eine solche Bindung würde ihre Rolle als unparteiische Schiedsrichter verletzen.[2]

Trotz dieser Vorbehalte sprach sich Millerand für die Annahme der Verträge aus.[3] Eine Ablehnung würde den Anschein erwecken, Frankreich wolle sich nicht nur von Deutschland, sondern auch von seinen Freunden und Verbündeten isolieren.[2] Es sei daher notwendig, die Verträge abzuschließen, um gegenüber Deutschland und den Verbündeten in Mittel- und Osteuropa Klarheit und Festigung der Beziehungen herbeizuführen.[3][2] Er schloss seine Rede jedoch mit einer eindringlichen Mahnung: Der Vertrag von Locarno dürfe nicht zu gefährlichen Illusionen wie einer verfrühten Abrüstung führen.[2][4] „Hüten wir uns deshalb, irgendein Mittel unserer nationalen Verteidigung verfrüht aus der Hand zu geben“, so Millerand unter lebhaftem Beifall von der Mitte und der Rechten.[2] Die Fortsetzung der Diskussion wurde auf den folgenden Tag vertagt.[2]