Der Wahlkampf zum mecklenburg-schwerinschen Landtag, der am kommenden Sonntag zur Abstimmung ruft, ist in seine entscheidende Phase getreten.[1] Während die großen Fragen der Reichspolitik wie die Fürstenabfindung und die Flaggenfrage die öffentliche Debatte bestimmen, entfaltet sich in Mecklenburg ein erbitterter Kampf um die politische Macht. Dieser Kampf hat jedoch seine eigenen Ursachen.[1]

Auslöser der Neuwahlen war bekanntlich der Sturz der Landbundregierung Brandenstein durch die Völkischen.[1] Hinter dieser Aktion verbirgt sich, wie aus politischen Kreisen verlautet, ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen Völkischen und Deutschnationalen.[1] Streitpunkt ist vor allem die Herrschaft im Landbund und damit der Zugriff auf die Wahlgelder des Großgrundbesitzes.[1] Der Versuch der Rechtsparteien, das heikle Thema des Regierungssturzes durch einen künstlichen „Burgfrieden“ aus dem Wahlkampf herauszuhalten, ist erwartungsgemäß gescheitert.[1] Nun steht der Fall Brandenstein im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen.[1]

Um die Aufmerksamkeit von den landespolitischen Streitfragen abzulenken, werden nun reichspolitische „Prominente“ in den Wahlkampf entsandt.[1] So sprach Graf Westarp für die Deutschnationalen und Minister Stresemann für die Deutsche Volkspartei, beide sprachen über Außenpolitik und die Verträge von Locarno — Themen, die für die lokale Politik Mecklenburgs nur von nachrangiger Bedeutung sind.[1] Das Berliner Tageblatt bezeichnet dieses Vorgehen als einen „großen Wahlbluff“.[1] Insbesondere die Deutsche Volkspartei, die drei Jahre lang den Justizminister stellte, versucht damit offenbar, von ihrer Bilanz abzulenken.[1] Die Zustände in der mecklenburgischen Justiz, welche bei den Fememordprozessen und dem Grevesmühlener Reichsbanner-Prozess deutlich wurden, bieten wenig Anlass zur Rühmung.[1]

Ob diese Taktik Erfolg haben wird, muss sich erst zeigen.[1] Beobachter stellen in allen Landesteilen eine Tendenz fest, die auf eine Rückkehr zu den Verfassungsparteien hindeutet.[1] Die dreijährige Herrschaft des Landbundes hat gezeigt, dass ein ausschließlich vom Großgrundbesitz bestimmtes Regime kaum in der Lage ist, eine Politik für breitere Volksschichten durchzusetzen. Dies betonen sogar deutschnationale Politiker offen.[1] Zwar stellt die von den Agrariern kontrollierte Presse einen erheblichen Machtfaktor dar, doch bleibt abzuwarten, ob sich diese einseitige Interessenpolitik am Ende nicht im Wahlergebnis negativ auswirkt.[1]