Nach monatelangen, wiederholt von Krisen überschatteten Verhandlungen wurde am späten Sonnabend, wie aus Angora gemeldet wird, der Vertrag zwischen Großbritannien und der Türkei über die Zukunft des Vilajets Mosul unterzeichnet.[1][2] Die Unterzeichnung fand um Mitternacht im türkischen Außenministerium in einer Zeremonie von betont schlichter Art statt.[2][3] Für die türkische Regierung unterzeichnete Außenminister Tewfik Ruschdi Bey, für Großbritannien der Botschafter Sir Ronald Lindsay und für das Königreich Irak, das unter britischem Mandat steht, Kriegsminister Nuri Pascha Essaid.[2][3]

Der Vertrag, dessen Wortlaut in französischer Sprache abgefasst wurde, beendet einen Konflikt, der die Beziehungen zwischen Angora und London seit dem Ende des Weltkrieges schwer belastet hat. Mehrfach hatte dieser Konflikt an den Rand einer kriegerischen Auseinandersetzung geführt.[1][3] Mit der nun erzielten Einigung hat die Türkei den Schiedsspruch des Völkerbundrates im Grundsatz anerkannt und verzichtet auf ihre Ansprüche auf das ölreiche Mosul-Gebiet.[4][3]

Die neue Grenze zwischen der Türkei und dem Irak wird im Wesentlichen der vom Völkerbund vorgeschlagenen, sogenannten „Brüsseler Linie“ folgen.[1][4][5] Dem Vernehmen nach wurde zugunsten der Türkei eine geringfügige Abänderung des Grenzverlaufs auf einem Gebiet von etwa fünf Quadratmeilen vorgenommen.[1] Eine wichtige Bestimmung des Vertrages ist die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone von 75 Kilometern Breite zu beiden Seiten der neuen Grenze. Dadurch sollen zukünftige Zwischenfälle vermieden werden.[1][5] Dem Abkommen zufolge soll eine ständige türkisch-irakische Grenzkommission, der als Vorsitzender ein Schweizer Bürger angehören wird, innerhalb von sechs Monaten nach der Ratifizierung die genaue Demarkation der Grenze vornehmen.[5]

Als Ausgleich für den Verzicht auf Mosul erhält die Türkei für die Dauer von 25 Jahren einen wirtschaftlichen Anteil an den Petroleumeinkünften.[3] Wie die Neue Freie Presse berichtet, wird die Türkei ein Zehntel der Abgaben aus der Petroleumausbeute erhalten.[5] Nach Angaben anderer Zeitungen erstreckt sich dieser Anspruch auf zehn Prozent der gesamten Einnahmen, die die irakische Regierung aus den Ölfeldern des Landes bezieht.[1][3] Die Kölnische Zeitung meldet sogar, dass die Beteiligung sich auf das gesamte Petroleumvorkommen im Irak erstrecken soll.[4] Aus Washington verlautet, dass die Türkei zudem das Recht erhält, ihre Anteile an den Öleinnahmen zu veräußern.[3]

Der Vertrag enthält darüber hinaus Klauseln zur allgemeinen Sicherheit und zur gutnachbarlichen Zusammenarbeit.[3] Ein Nichtangriffspakt soll für die Dauer von zehn Jahren gelten.[3] Ferner sind Vorkehrungen zur gegenseitigen Unterstützung bei der Bekämpfung des Bandenwesens im Grenzgebiet sowie zur Unterbindung staatsfeindlicher Propaganda unter den Stämmen vorgesehen.[1] Für die verschiedenen Völkergruppen in der Mosul-Region, darunter Nestorianer und Chaldäer, soll eine allgemeine Amnestie gewährt werden.[3]

Die Nachricht von der Einigung wurde in der türkischen Öffentlichkeit mit spürbarer Erleichterung aufgenommen. Die Furcht vor einem neuen Waffengang war nach Jahren fast ununterbrochener Kriege groß.[3] Die Enttäuschung über den endgültigen Verlust Mosuls scheint sich in Grenzen zu halten, nachdem die türkische Führung die Bevölkerung bereits auf die Unvermeidbarkeit dieses Schrittes vorbereitet hatte.[3] Laut dem Washingtoner Evening Star ist jedoch eine gewisse Ernüchterung darüber festzustellen, dass der Vertrag keine direkte Finanzhilfe für die Türkei vorsieht. Es halten sich Gerüchte, Großbritannien werde eine Anleihe für Angora begünstigen.[3] Die Große Nationalversammlung wurde für den heutigen Montag zu einer Sondersitzung einberufen, um über die Ratifizierung des Abkommens zu beraten.[3]