Die vierzigste Tagung des Völkerbundrates wurde heute Vormittag unter Umständen eröffnet, die bereits im Vorfeld auf die schwierigen Verhandlungen der kommenden Tage hindeuten. Zum Präsidenten wurde der Vertreter Uruguays, Guani, gewählt, nachdem der schwedische Delegierte Sjöborg das Amt ablehnte und man den tschechoslowakischen Außenminister Beneš für die bedeutsame September-Versammlung aufsparen möchte.[1] Die Eröffnungssitzung selbst war von kurzer Dauer und behandelte zunächst administrative Fragen, darunter einen Bericht des Grafen Ishii über die Arbeit der Völkerbundkommission für Hygiene.[2]
Die politische Brisanz der Zusammenkunft zeigte sich unmittelbar. Generalsekretär Sir Eric Drummond teilte dem Rat mit, dass der brasilianische Vertreter Mello Franco sein Fernbleiben angekündigt hatte, ohne einen Stellvertreter zu benennen.[1] Brasiliens Platz blieb leer — eine demonstrative Geste, die in diplomatischen Kreisen als klares Zeichen für den ungelösten Konflikt um die Zusammensetzung des Völkerbundrates und die Vergabe ständiger Sitze gilt.[1] Diese Spannung wurde durch die Haltung Spaniens verstärkt. Spanien entsandte zur Eröffnungssitzung lediglich einen jungen Gesandtschaftssekretär aus Bern; auch dies führte zu zahlreichen Kommentaren.[1]
Der französische Außenminister Briand, der nach einem längeren Gespräch mit seinem britischen Kollegen Chamberlain in Paris am Sonntagabend in Genf eintraf, steht vor der schwierigen Aufgabe zu vermitteln.[2][3] Nach Angaben der Pariser Presse will Briand seinen Aufenthalt dazu nutzen, um hinter den Kulissen den Widerstand Brasiliens und Spaniens gegen die Zuweisung eines ständigen Sitzes an Deutschland abzubauen.[2] Dem Pariser Temps zufolge ist jedoch kaum mit einer endgültigen Entscheidung über die Umbildung des Völkerbundrates zu rechnen, da eine volle Einigung der Mächte noch nicht erzielt wurde.[2] Die Haltung Polens, das zur Beobachtung der Debatten Minister Sokal und Graf Tarnowski entsandt hat, wird mit großem Interesse verfolgt.[1]
Ein weiteres wichtiges Thema der Tagung stellt die Abrüstungsfrage dar, bei der die Meinungsverschiedenheiten offen zutage treten. Wie die Genfer Vertretung der Chicago Tribune berichtet, fordern England, Deutschland, Amerika und Japan sofortige und greifbare Ergebnisse.[2] Frankreich und Italien hingegen, unterstützt von Belgien und Holland, sprechen sich für eine überwiegend theoretische Behandlung der Angelegenheit aus.[2]
Aus der Sächsischen Staatszeitung geht hervor, dass der Bericht der Abrüstungskommission zu bedeutenden Verhandlungen führen dürfte.[4] Besonders der Kompromissantrag Boncour-Cecil zu Artikel 16 der Völkerbundsatzung hat die Sicherheitsdebatte neu entfacht.[4] Die Kommission hat den Rat ersucht, Methoden für eine beschleunigte Einberufung im Kriegsfall sowie für die rasche Umsetzung militärischer und wirtschaftlicher Verpflichtungen zu prüfen.[4] Es wird erwartet, dass sich daraus eine Generaldebatte über das Sicherheitsproblem entwickeln wird. Dabei dürfte auch das Verhältnis zwischen dem Locarno-Pakt und dem deutsch-russischen Vertrag zur Sprache kommen — eine Diskussion, die ohne deutsche Beteiligung im Rat stattfinden müsste.[4]
Ferner wird die Frage der französischen Truppen im Saargebiet den Rat beschäftigen. Briand hat angekündigt, sich für den Verbleib der beiden im Saargebiet stationierten Bataillone einsetzen zu wollen.[2] Die Kölnische Zeitung berichtet, dass der französische Vertreter in der Regierungskommission, Morize, bereits in Genf für diese Haltung wirbt, welche von der saarländischen Bevölkerung als vertragswidrig angesehen wird.[5] Die französische Argumentation, die Truppen seien zum Schutz von Militärtransporten notwendig, gilt in deutschen Kreisen als missbräuchlich und als eine Aushöhlung der Autorität des Völkerbundes.[5] Auch im militärischen Unterausschuss gestaltet sich die Arbeit schwierig. Ein deutscher Antrag, die Kriegsindustrie unter die Friedensrüstung zu fassen, wurde vorerst vertagt.[5]