Sergei Eisenstein, der junge russische Regisseur, dessen Film „Panzerkreuzer Potemkin“ in den Lichtspielhäusern der Hauptstadt für erhebliche Diskussionen sorgt, hat nunmehr selbst das Wort ergriffen, um seine künstlerischen Anschauungen zu erläutern. In einem aufschlussreichen Beitrag für das Berliner Tageblatt legt der erst 28-jährige Künstler seinen Werdegang und die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit dar.[1] Ursprünglich als Ingenieur und Architekt ausgebildet, fand Eisenstein während seiner Zeit als Fortifikateur in der Sowjetarmee zum Theater.[1]
Seine Laufbahn begann 1921 als Dekorateur im Moskauer „Proletkult“-Theater, dessen Ziel es war, eine neue, den veränderten staatlichen Verhältnissen entsprechende Kunstform zu schaffen.[1] Schon bald geriet er jedoch als Regisseur in heftige Meinungsverschiedenheiten mit der Leitung, da er, im Gegensatz zu den kompromissbereiten Ansichten eines Lunatscharsky, die radikale Position der „linken Front“ vertrat.[1] Seine Theaterarbeit, die er als „Aktionen“ bezeichnete, zielte darauf ab, die Elemente der Wirkung mathematisch aufzubauen.[1] Experimente wie die Aufführung des Stückes „Gasmasken“ in einer laufenden Fabrik führten ihn zu der Erkenntnis, dass nur die unerbittlichste Sachlichkeit der Sphäre des Films angemessen sei.[1]
Das Kernstück seiner Philosophie ist die bewusste Abkehr von der intuitiven Schöpfung.[1] Eisenstein postuliert stattdessen einen rationalistischen, konstruktivistischen Aufbau wirkender Elemente.[1] Die beabsichtigte Wirkung auf den Zuschauer müsse von vornherein berechnet und analysiert werden — ein Vorgang, der nach seinen Worten nicht mehr Einfallsreichtum erfordere als das Entwerfen eines Stahlbauwerks.[1] Sentiment, Pathos oder Lyrik seien für ihn lediglich bekannte Elemente. Man müsse diese geschickt steigern, um die notwendige Spannung zu erzeugen und wieder zu entladen.[1]
Von entscheidender Bedeutung ist für Eisenstein zudem die „Tendenz“ eines Films.[1] Ohne die Klarheit über das „Wozu“ könne man seiner Ansicht nach die Arbeit nicht beginnen.[1] Die Leidenschaften des Zuschauers, die gezielt hervorgerufen werden, benötigten einen „Blitzableiter“, der gerade in dieser Tendenz zu finden sei.[1] Nach seiner Überzeugung ist der Mangel an einer solchen Richtung das größte Vergehen der Zeit, da hierdurch die Energien lediglich zerstreut werden.[1]
Für den „Panzerkreuzer Potemkin“ verzichtete er bewusst auf professionelle Schauspieler und setzte stattdessen „wirkliche Menschen“ ein, die ausschließlich nach ihrer physischen Erscheinung ausgewählt wurden.[1] Eine solche Arbeitsweise sei, wie er betont, nur in Sowjetrussland möglich gewesen, da ihm dort für seine Arbeit die gesamte Flotte zur Verfügung gestanden habe.[1] Hinsichtlich einer künstlerischen Zusammenarbeit mit Deutschland äußert sich Eisenstein zuversichtlich, lehnt jedoch eine persönliche Übersiedlung entschieden ab. Grund hierfür ist, dass er das Land, das ihm Kraft und Anregung gegeben habe, nicht verlassen möchte.[1]