Die jüngsten Ausschlüsse aus der Kommunistischen Partei Hollands haben in Rotterdam zu einer offenen Spaltung geführt. Die drei auf dem letzten Parteitag ausgeschlossenen führenden Mitglieder, die Herren Dr. W. van Ravesteyn, D. J. Wijnkoop und G. van Burink, sprachen gestern Abend auf einer gut besuchten Protestversammlung.[1] Der Vorsitzende der Versammlung, J. Hoogchorspel, erklärte, die alte Rotterdamer Parteisektion betrachte sich weiterhin als die rechtmäßige Vertretung der Partei in der Stadt. Sie werde die Beschlüsse des Parteitages als null und nichtig ansehen.[1] Man habe ein Komitee gegründet, das ein dokumentiertes Gesuch an die kommunistische Weltorganisation richten werde, um die Annullierung der Parteitagsbeschlüsse zu erwirken.[1]
In einer ausführlichen Rede zog Dr. van Ravesteyn eine Parallele zum Parteiausschluss von 1909. Damals wie heute hätten er und seine Mitstreiter die „Fahne des Marxismus“ hochgehalten und sich nicht dem Zwang von oben beugen wollen.[1] Der jetzige Konflikt sei jedoch von noch ernsterer Natur. Dem *Nieuwe Rotterdamsche Courant* zufolge richtete der Redner scharfe Angriffe gegen die Parteiführung und gegen die Einmischung aus Moskau.[1] Es sei in Holland gewagt worden, in der Frage der deutschen Bewegung eine andere Meinung als Sinowjew zu vertreten und Fehler, die Trotzki gemacht habe, eigenständig zu beurteilen.[1] Nach einem Besuch Wijnkoops in Russland im Jahre 1925 sei ein Ukas aus Moskau eingetroffen, der Verhaltensvorschriften enthalte, denen man sich widersetzt habe.[1] Dr. van Ravesteyn beklagte, die kommunistische Weltbewegung sei nach Lenins Tod dabei, sich in eine Kirche mit Priestern und blinden Gläubigen zu verwandeln.[1]
Der Streit über die Taktik in der Gewerkschaftsbewegung sei nur ein Symptom eines tieferen Konfliktes.[1] Nach weiteren Redebeiträgen kam es zu einem kurzen Debattentumult mit einigen Hafenarbeitern; einer von ihnen hatte offenbar die Seite gewechselt.[1] Ein Versuch, diesen Debattenredner tätlich anzugreifen, konnte jedoch unterbunden werden. Erst danach wurde die Versammlung gegen Mitternacht geschlossen.[1]