Die Krise der britischen Liberalen Partei, die seit dem Generalstreik offen zutage getreten war, hat in einer dramatischen Fraktionssitzung am Dienstagabend ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht.[1][2] In einer entscheidenden Abstimmung setzte sich der Flügel um den früheren Premierminister David Lloyd George gegen die Anhänger des offiziellen Parteiführers, Lord Oxford and Asquith, durch.[3] Die Spaltung der Partei, die seit Jahren unter der Oberfläche schwelte, scheint damit zur vollendeten Tatsache geworden zu sein.[4]
An der Sitzung der liberalen Unterhausfraktion nahmen je nach Quelle 33 bis 34 Abgeordnete teil.[5][6] Zunächst wurde ein Schreiben Lord Oxfords verlesen, in dem dieser erklärte, dass sich an seiner kritischen Haltung gegenüber Lloyd George seit der Vorwoche nichts geändert habe.[1][6] Daraufhin brachte Sir Robert Thomas eine Entschließung ein, die das Bekanntwerden der Führungsstreitigkeiten in der Öffentlichkeit missbilligte und die Hoffnung auf eine Wiederherstellung der Einheit ausdrückte.[1] Ein Antrag, jenen Teil der Entschließung zu streichen, der faktisch ein Tadelsvotum gegen Lord Oxfords Vorgehen darstellte, wurde mit 20 gegen 12 Stimmen abgelehnt.[1][6][7] Die Annahme der ursprünglichen Resolution bedeutet einen klaren Sieg für Lloyd George, der damit seine Position als Vorsitzender der Parlamentsfraktion vorerst behauptet.[3][7]
Die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet von einem Abstimmungsergebnis von 20 zu 18 Stimmen für das eigentliche Tadelsvotum. Elf Mitglieder sollen sich enthalten haben oder abwesend gewesen sein.[3] Aus dem Lager Lord Oxfords wird nun verlautbart, der Sieg Lloyd Georges sei nur durch die Stimmen des rechten, „halb-konservativen“ Parteiflügels zustande gekommen.[3] Diejenigen Abgeordneten dieses Flügels, so die Kritik, hätten seit den letzten Wahlen weitaus häufiger für die konservative Regierung gestimmt als gegen sie.[3]
Der Kern des Konflikts liegt in der unterschiedlichen Haltung während des großen Generalstreiks.[1] Lord Oxford, Lord Grey und Sir John Simon hielten eine rückhaltlose Unterstützung der Regierung Baldwin für geboten. Lloyd George hingegen behielt sich vor, das Vorgehen des Kabinetts zu kritisieren.[1] Dass dieser Streit nun in aller Schärfe ausgetragen wird, wird von den Anhängern Lloyd Georges vor allem Lord Oxford angelastet. Dieser soll seinen Briefwechsel samt Vorwürfen an die Presse weitergegeben haben.[1] Dem Vorwärts zufolge war der Bruch innerlich längst vollzogen; dies zeige sich auch daran, dass die Parteikassen der beiden Flügel seit der letzten formalen Wiedervereinigung im Jahre 1923 niemals zusammengelegt wurden.[1] Wie die Washington Post ergänzt, verfügt die Fraktion um Lloyd George über einen eigenen „Kriegsfonds“.[7]
Aus dem Hong Kong Telegraph geht überdies der Vorwurf des liberalen Politikers Masterman hervor, Schatzkanzler Winston Churchill habe die Spaltung bewusst vorangetrieben.[2] Churchill habe in der regierungsamtlichen British Gazette während des Streiks die Reden Oxfords und Lloyd Georges entstellend wiedergegeben. So sollte der Eindruck einer tiefen Zerstrittenheit innerhalb der Liberalen hervorgerufen werden.[2] Während Lord Oxford nun als moralischer Führer seiner Anhänger gilt, wird Sir John Simon voraussichtlich die Führung seines Flügels im Unterhaus übernehmen.[5][2] Die fortbestehenden Streitigkeiten zwischen den beiden Lagern schwächen die traditionsreiche Partei weiter.[3]