Die Tagungen der Völkerbundorgane in Genf stehen im Schatten einer neuen, ernsten Krise, die durch die Haltung Spaniens und Brasiliens in der Frage der Ratsreform ausgelöst wurde.[1] Das demonstrative Fernbleiben der Vertreter beider Staaten zu Beginn der Sitzungen hat die Befürchtung genährt, die Bemühungen um eine Erweiterung des Völkerbundrates könnten scheitern und somit den für September vorgesehenen Eintritt Deutschlands erneut verzögern.[1] Die diplomatischen Zirkel sind erfüllt von intensiven Beratungen, um einen Ausweg aus der verfahrenen Lage zu finden.

Im Mittelpunkt der Bemühungen steht nun ein Vorschlag des französischen Außenministers Briand. Dieser hat offenbar die volle Zustimmung seines britischen Kollegen Chamberlain gefunden.[2] Wie aus den Kreisen der französischen Delegation verlautet, drängen beide darauf, noch vor der ordentlichen Vollversammlung im September eine außerordentliche Tagung des Rates einzuberufen.[3] Diese Sondertagung, die für Ende Juli oder August angedacht ist, soll ausschließlich dem Zweck dienen, die gegenwärtige Krise um die ständigen Ratssitze zu lösen und den Weg für die Aufnahme Deutschlands endgültig freizumachen.[2][1] Es heißt, durch diplomatische Verhandlungen wolle man die Schwierigkeiten zum Wohl aller Beteiligten und des Völkerbundes regeln.[1] Aus britischen Kreisen wurde jedoch mitgeteilt, eine erneute Zusammenkunft der Studienkommission, die für den 28. Juni angesetzt war, erscheine zwecklos, solange keine Klärung zwischen den Kabinetten erfolgt sei.[3]

Die Haltung der beiden unzufriedenen Mächte wird in Genf unterschiedlich bewertet. Eine gestern verbreitete Meldung, der zufolge Brasilien bereits seinen Austritt aus dem Völkerbund erklärt habe, fand bisher keine amtliche Bestätigung.[1] Selbst wenn Brasilien einen solchen Schritt vollzöge, hätte dies nach der Völkerbundsatzung zunächst nur den Charakter einer Manifestation. Der Austritt würde erst nach einer Frist von zwei Jahren wirksam.[3] In französischen Presseberichten wird betont, dass sich die brasilianische Haltung nicht gegen Deutschland richtet, sondern aus einem grundsätzlichen Streit mit dem Völkerbundrat resultiert.[3] Nach Angaben des Pariser Petit Parisien findet das Vorgehen Brasiliens in den Kreisen des Völkerbundes jedoch nur wenig Zustimmung. Es wird darauf hingewiesen, dass man befremdet sei, ein großes Land setze das Ansehen des Völkerbundes aufs Spiel, „bloß um recht zu behalten“.[3]

Für eine allgemeine Überraschung sorgte das heutige Wiedererscheinen des brasilianischen Delegierten Mello Franco in der Ratssitzung. Eine große Zahl von Neugierigen wurde dadurch ins Völkerbundgebäude gelockt.[3] Ob diese Geste eine Wendung in der brasilianischen Position andeutet, bleibt abzuwarten.[1]

Spaniens Haltung ist kaum weniger unklar. Der spanische Außenminister erklärte, die Atmosphäre sei den spanischen Forderungen ungünstig; deshalb habe man an der laufenden Tagung kein großes Interesse.[2] Nur damit die Sitzung nicht gänzlich behindert werde, habe Madrid den Gesandtschaftsrat in Bern ermächtigt, Spanien in Genf zu vertreten.[2] Diese zurückhaltende und wechselhafte Politik erschwert die Verhandlungen erheblich. Nach Angaben des Havas-Vertreters in Genf sind sich Briand und Chamberlain einig, dass das Problem mit jedem Tag verwickelter werde. Nun müsse man den betreffenden Ländern—Spanien und Brasilien—die Verantwortung überlassen, zuerst ihre endgültige Haltung kundzutun.[1]