Die Juni-Tagung des Völkerbundrats, die eigentlich im Zeichen der finanziellen Sanierung Österreichs und anderer Sachfragen stehen sollte, wird von der schwelenden Krise um die Ratsreform überschattet. Die unnachgiebige Forderung Brasiliens und Spaniens nach einem ständigen Sitz im Rate, die bereits die außerordentliche Märztagung zum Scheitern brachte, droht nun, die Genfer Institution in eine ernste Zerreißprobe zu führen. Der für September geplante Eintritt Deutschlands in den Völkerbund steht damit weiterhin auf dem Spiel, während hinter den Kulissen eifrig nach einem Ausweg aus der verfahrenen Lage gesucht wird.
Am Mittwochnachmittag behandelte der Rat die Frage der Reform in einer kurzen, geheimen Aussprache, ohne dass es zu greifbaren Ergebnissen kam.[1] Die Vertreter Brasiliens und Spaniens blieben während dieser Sitzung wortlos, was die angespannte Erwartung zusätzlich steigerte.[1] Man rechnet jedoch damit, dass der brasilianische Delegierte, Mello Franco, in der öffentlichen Sitzung am Donnerstag eine Erklärung abgeben wird, deren Inhalt mit großer Spannung erwartet wird.[1] Aus italienischen Kreisen verlautet, man sei bereit, der bereits in der Studienkommission geäußerten Zustimmung zu einer Erweiterung des Rates auf insgesamt 14 Mitglieder weiterhin zuzustimmen — unter der strikten Bedingung, dass diese Zahl nicht überschritten werde.[1]
Unterdessen häufen sich die Anzeichen, dass insbesondere Brasilien nicht gewillt ist, von seiner Position abzurücken. Wie die Kölnische Zeitung unter Berufung auf eine Depesche der United Press meldet, hat das brasilianische Außenministerium eine Denkschrift an die übrigen amerikanischen Staaten versandt, in der die Haltung Rio de Janeiros ausführlich dargelegt wird.[2] Die Regierungspresse des Landes lässt keinen Zweifel daran, dass man entschlossen ist, den Völkerbund zu verlassen, sollte die Forderung nach einem ständigen Sitz abgelehnt werden.[2] Diese Haltung findet offenbar breite Zustimmung, und man erwartet von einem solchen Schritt eine Stärkung der panamerikanischen Union.[2]
Angesichts dieser verhärteten Fronten entsteht in Genf nun jedoch eine Kompromisslösung, die einen Ausweg bieten könnte, ohne einen der Beteiligten vollständig zurückzusetzen. Nach zuverlässigen Informationen, die dem Westfälischen Merkur aus Genf zugegangen sind, wird Brasilien der entscheidenden Septembertagung des Völkerbundes keinen Vertreter entsenden.[1] Die Aufnahme Deutschlands könnte somit ohne die Teilnahme und ein mögliches Veto Brasiliens erfolgen.[1] Als Gegenleistung für diese Zurückhaltung soll Brasilien einen nichtständigen, aber wiederwählbaren Ratssitz erhalten.[1] Durch diese Regelung ließe sich der oft diskutierte Austritt Brasiliens aus dem Völkerbund vermeiden und zugleich eines der wesentlichen Hindernisse für den deutschen Eintritt beseitigen.[1]
Für den Fall, dass auch diese diplomatischen Bemühungen in Madrid und Rio de Janeiro scheitern sollten, haben die führenden europäischen Mächte offenbar einen Notfallplan vorbereitet. Der Deutschen Allgemeinen Zeitung zufolge sollen der französische Außenminister Briand und sein britischer Amtskollege Chamberlain vereinbart haben, Ende Juli oder Anfang August eine außerordentliche Ratstagung einzuberufen, um den Eintritt Deutschlands unter allen Umständen zu sichern.[3] Diese Entschlossenheit unterstreicht die große Bedeutung, die London und Paris der Aufnahme des Deutschen Reiches beimessen.
Die gegenwärtige Krise hat zudem eine Debatte über die Struktur des Völkerbundes selbst ausgelöst. Aus London berichtet die Neue Freie Presse von bemerkenswerten Erörterungen in amerikanischen und englischen Völkerbundkreisen.[4] Dort wird ernsthaft erwogen, den Völkerbund künftig in drei kontinentale Organisationen zu gliedern: einen europäischen, einen amerikanischen und einen asiatischen Bund.[4] Bestimmte Mächte mit Interessen auf mehreren Kontinenten, wie England, könnten eine doppelte Mitgliedschaft erhalten.[4] Ein Vertragswerk soll die Zusammenarbeit dieser drei Bünde regeln und so die globalen Aufgaben gewährleisten.[4] Auch wenn derartige Pläne derzeit noch rein spekulativ sind, zeigen sie, wie sehr das Ringen um einzelne Sitze das Fundament der Genfer Friedensordnung erschüttert hat.