Ein unerhörter Zwischenfall hat sich heute Vormittag kurz vor 11 Uhr in der Wandelhalle des Völkerbundsekretariats ereignet und sorgt in den Kreisen der Diplomaten für außerordentliches Aufsehen.[1][2] Der ungarische Ministerpräsident, Graf Stefan Bethlen, wurde vor dem Sitzungssaal des Rates von einem Landsmann tätlich angegriffen und ins Gesicht geschlagen.[2]

Graf Bethlen befand sich im Gespräch mit einem Journalisten, als ein Mann namens Ivan von Justh, der Generalsekretär der ungarischen republikanischen Partei in Paris, auf ihn zutrat.[1][2] Wie die Badische Presse berichtet, verschaffte sich Justh durch Vorlage einer Pressekarte des Pariser Blattes L’Ère Nouvelle Zutritt zum Sitz des Völkerbundes.[1] Augenzeugen zufolge verlas er zunächst eine Protesterklärung gegen den Ministerpräsidenten. Anschließend ging er auf Graf Bethlen zu und versetzte ihm eine heftige Ohrfeige.[1] Der Angegriffene bewahrte trotz des Vorfalls seine Ruhe.[2] Herbeigeeilte Diener des Hauses und ein Polizeibeamter nahmen den Täter umgehend fest und führten ihn ab.[2]

Gegenüber Pressevertretern äußerte sich Justh nach seiner Verhaftung offen über seine Beweggründe. Er habe Graf Bethlen bestrafen und die Aufmerksamkeit der Welt auf das „tyrannische Regime in Ungarn“ richten wollen.[3] Seit fünf Jahren, so wird er zitiert, martere Bethlen das ungarische Volk.[3] Einem Korrespondenten erklärte er ferner, der Ministerpräsident vertrete Ungarn nicht in gebührender Weise; durch seine Tat habe er dessen Unwürdigkeit öffentlich demonstrieren wollen.[4] Der Vorfall erscheint besonders bemerkenswert, da Graf Bethlen bereits am Vortag in Begleitung von sechs Schweizer Bundesbeamten im Völkerbundsekretariat erschienen war. Es war das erste Mal, dass ein offizieller Delegierter um Polizeischutz nachgesucht hatte.[3]

Der Skandal verursachte eine erhebliche Störung des diplomatischen Betriebs. Die für 10 Uhr angesetzte Sitzung des Völkerbundrates musste infolgedessen verschoben werden.[1] Zu Beginn der verspäteten Sitzung ergriff der amtierende Präsident, Guani, das Wort. Er sprach sein tiefes Bedauern über den Vorfall aus und bekundete dem Grafen Bethlen die volle Sympathie des Rates.[2] Es sei äußerst misslich, dass sich ein derartiger Zwischenfall im gastfreundlichen Genf habe ereignen können.[2] Graf Bethlen, der später am Ratstisch Platz nahm, dankte dem Vorsitzenden im Namen seiner Regierung für den Ausdruck der Anteilnahme.[2]