Die Beisetzung des letzten koreanischen Kaisers, Yi Wang (Sunjong), ist heute in Seoul von schweren Unruhen überschattet worden.[1] Während der prunkvollen Trauerfeierlichkeiten, die den ganzen Tag andauerten, kam es wiederholt zu Zusammenstößen zwischen koreanischen Unabhängigkeitsbefürwortern und der japanischen Polizei.[1] Im Laufe des Tages wurden nach amtlichen Angaben rund 200 Personen verhaftet; mehrere erlitten Verletzungen.[1]

Der folgenschwerste Zwischenfall ereignete sich auf dem Höhepunkt der Prozession.[1] Eine Gruppe von etwa 40 Studenten versuchte, Flugblätter mit der Forderung nach der Unabhängigkeit Koreas von Japan unter die Menge zu bringen.[1] Als die Polizei einschritt, um die Verteilung zu unterbinden, kam es zu einem Handgemenge, bei dem neun Studenten verletzt wurden.[1] Ein weiterer Ausbruch von Unruhen ereignete sich, als der Trauerzug an der Kapelle für die Begräbniszeremonie ankam.[1]

Bereits in den Tagen vor der Beisetzung war eine spürbare Spannung in der Stadt zu beobachten. Wie Blätter aus Tokio meldeten, hatte die japanische Polizei umfangreiche Vorkehrungen getroffen, um antijapanische Kundgebungen zu verhindern.[2][3] Tausende Koreaner aus allen Teilen des Landes und aus Japan waren für die Feierlichkeiten angereist.[4] Nach Berichten der Wiener Zeitung wurden allein in Seoul im Vorfeld 399 Personen in präventiven Gewahrsam genommen. Rund 3000 Polizisten bewachten die Regierungsgebäude.[2] Für den Beerdigungstag selbst wurde die Polizeipräsenz auf 4000 Beamte erhöht.[1]

Die japanischen Behörden behaupten, schlüssige Beweise für eine Verschwörung zum Sturz ihrer Herrschaft zu besitzen. Dem Hong Kong Telegraph zufolge sollen beschlagnahmte Papiere belegen, dass aus dem Hauptquartier der Dritten Internationale in Wladiwostok Gelder geflossen seien.[3] Nach Ansicht der Behörden war es Ziel dieser Unterstützung, eine kommunistische Republik in Korea zu errichten und die Japaner aus dem Lande zu vertreiben.[2][4]

Trotz der Zwischenfälle war der Trauerzug selbst eine der malerischsten Zeremonien, die der Ferne Osten seit Langem gesehen hat.[1] Etwa 2000 Träger beförderten den Katafalk mit dem Sarg des Kaisers.[1] Die Prozession, die acht Stunden währte, führte vom Kaiserpalast zum Friedhof und wurde von rund 250.000 Menschen verfolgt, darunter 10.000 hohe japanische und koreanische Würdenträger.[1] Eintausend buddhistische Priester zelebrierten die Riten für den letzten Monarchen der Yi-Dynastie.[1]