Die Verhandlungen des Reichstages über den Volksentscheid zur entschädigungslosen Enteignung der früheren Fürstenhäuser führten am gestrigen Tage zu heftigen Auseinandersetzungen. Nach der Rede des Reichskanzlers gab der Abgeordnete von Guérard im Namen der Regierungsparteien des Zentrums, der Deutschen Volkspartei, der Deutschnationalen und der Bayerischen Volkspartei eine gemeinsame Erklärung ab.[1] Darin versicherten die Parteien, dass sie den Erlass eines Gesetzes zur Regelung der Auseinandersetzung zwischen den Ländern und den Fürstenhäusern für unbedingt notwendig erachteten.[1] Sie betonten, dass der vorliegende Gesetzentwurf in seinen wesentlichen Bestandteilen zur Annahme gebracht werden solle und hierüber kein Zweifel bestehen solle.[1]

Dem Gesetzentwurf zufolge soll den Fürsten nur jenes Vermögen belassen werden, welches sie als unzweifelhaftes Privateigentum erworben haben.[1] Den Folgen des verlorenen Krieges und der allgemeinen Verarmung des Volkes wird dabei ausreichend Rechnung getragen.[1] Die Regierungsparteien stellten klar, dass die Fürsten keiner besseren Aufwertung teilhaftig würden als andere Staatsbürger. Zugleich dürften sie aber auch nicht — wie es der Volksentscheid fordere — außerhalb der Grundrechte gestellt werden.[1]

Für die Sozialdemokratie ergriff der Abgeordnete Müller-Franken das Wort und erklärte, der Reichspräsident sei unter Missachtung seiner verfassungsrechtlichen Stellung veranlasst worden, einseitig gegen den Volksentscheid Stellung zu beziehen.[1] Dies stelle eine Verletzung der durch sein Amt gebotenen überparteilichen Haltung dar.[1] Die Erklärung schloss mit einem Protest gegen die angebliche Parteilichkeit des Reichspräsidenten und einem Aufruf an die Wähler, für den Volksentscheid zu stimmen.[1]

Diese Ausführungen riefen eine scharfe Erwiderung des Reichskanzlers Dr. Marx hervor. Die Erwiderung wurde von der Linken durch Zwischenrufe unterbrochen.[1] Als der Kanzler seine Rede fortsetzte, kam es zu tumultartigen Szenen im Hohen Hause. Aus den Reihen der Sozialdemokraten war der Ruf „Wortbrecher“ zu hören.[1] Daraufhin erhoben sich Abgeordnete der Rechtsparteien unter stürmischen Entrüstungsrufen von ihren Plätzen.[1]

Unterdessen hat auch die rheinische Landwirtschaft in einem Aufruf Stellung bezogen. Dieser wurde von mehreren großen Bauernverbänden und der Landwirtschaftskammer für die Rheinprovinz unterzeichnet.[2] In dem Aufruf wird die von der kommunistisch-sozialistischen Front getragene Bewegung als Kampf gegen jedes Eigentum und gegen die Rechtsordnung bezeichnet. Es wird erklärt, dass dadurch die Auseinandersetzung mit den Fürsten den „Instinkten des Hasses und des Raubes“ ausgeliefert werde.[2] Der vorgelegte Gesetzentwurf zum Volksentscheid bezwecke einen schweren Verstoß gegen das Eigentumsrecht. Dies bedeute die Unterwühlung jeder Rechtsordnung.[2]