Die Frage der finanziellen Unterstützung der streikenden englischen Bergarbeiter aus Sowjetrussland hat sich zu einer politischen Affäre ersten Ranges entwickelt, die am Donnerstag zu einer außerordentlich scharfen Auseinandersetzung im Unterhaus führte.[1] Innenminister Sir William Joynson-Hicks bezichtigte die Moskauer Regierung unverhohlen, den Streik mit erheblichen Geldmitteln zu fördern, um in Großbritannien Unruhe zu stiften und zugleich den britischen Kohleexport zu untergraben.[2][1]
Auf mehrere Anfragen erklärte der Minister, das Auswärtige Amt sei zu der Überzeugung gelangt, dass die während des Generalstreiks nach England gesandten Gelder direkt von der russischen Regierung stammten.[3][4][5] Dem widersprach der Führer der Arbeiterpartei, Ramsay MacDonald, energisch und wies darauf hin, dass die Streikführer die Annahme dieser Gelder verweigert hätten.[3][5] In seinen weiteren Ausführungen schränkte Joynson-Hicks seine ursprüngliche Anklage merklich ein. Er wolle nicht so weit gehen, die gesamte russische Regierung als Urheberin der Geldsendungen festzustellen; jedoch, so betonte er, trügen einzelne Regierungsmitglieder eine Mitverantwortung.[4] Das Geld sei an die Bergarbeiterföderation von eng miteinander verbundenen Körperschaften gesandt worden. Zu diesen Körperschaften zählten die Sowjetregierung, die Dritte Internationale sowie weitere Organisationen.[3][5]
Diese Vorwürfe wurden durch eine Rede des Staatssekretärs für Indien, Lord Birkenhead, bekräftigt. Dem Pariser Le Temps zufolge unterschied er deutlich zwischen mildtätigen Spenden für notleidende Familien einerseits und Unterstützungszahlungen einer ausländischen Regierung mit politischen Absichten andererseits.[6] Lord Birkenhead bezifferte die aus Moskau stammende Summe auf 400.000 Pfund Sterling. Er behauptete, dieses Geld stamme nicht aus Sammlungen russischer Arbeiter, sondern direkt von der Sowjetregierung.[6] Nach seinen Ausführungen sei es Moskaus Ziel, die Revolution in England zu fördern und gleichzeitig dem Land den Kohleausfuhrhandel zu entziehen.[6] Die Regierung in London, so Joynson-Hicks, prüfe nun eingehend die Natur dieser Subventionen und werde in der kommenden Woche dem Parlament einen ausführlichen Bericht vorlegen. Dieser solle auch Dokumente beinhalten, die bei englischen Kommunisten beschlagnahmt worden seien.[2][1]
Unterdessen geht aus der Moskauer Pravda hervor, dass der Zentralrat der sowjetischen Gewerkschaften am 8. Juni die Überweisung von weiteren 300.000 Rubeln an die Föderation der englischen Bergarbeiter beschlossen hat, um die Streikenden zu unterstützen.[7] Die Zeitung berichtet zudem von den schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen des Ausstandes für England. So seien die Baumwollfabriken gezwungen, ihre Produktion zu verringern, und die Zahl der Arbeitslosen sei bis Ende Mai auf über 1,6 Millionen Menschen gestiegen.[7] Seit dem 1. Mai seien bereits 87.000 Tonnen ausländischer Kohle nach England importiert worden.[7]
Der Konflikt um die russischen Gelder und die unnachgiebige Haltung der Streikführung unter A. J. Cook führen zu Rissen innerhalb der Bergarbeiterbewegung.[1] Wie die Neue Freie Presse meldet, haben die Bergarbeiter des mittelenglischen Distrikts Nottingham ein Manifest veröffentlicht, in dem sie die Arbeiter auffordern, den Parolen Cooks nicht länger Folge zu leisten.[4] In dem Aufruf heißt es: „Wir sind der Ansicht, dass wir falsch geführt werden. Unser Gewerkschaftsapparat ist in den Händen von Männern, die politische Ziele und revolutionäre Projekte unserer Wohlfahrt voranstellen.“[4] Der Distrikt fordert die Aufnahme von Verhandlungen zwischen den einzelnen Bezirken und den Grubenbesitzern.[4]
Auch die gemäßigten Gewerkschaftsführer Hodges und Varley sahen sich Anfeindungen ausgesetzt, nachdem sie den Bergarbeitern zu Mehrarbeit geraten hatten.[6] Ein von Cook betriebenes Ausschlussverfahren gegen sie blieb jedoch erfolglos, wie aus Paris berichtet wird.[6] Die Regierung selbst zeigt unterdessen keine Bereitschaft zum Nachgeben. Auf die Frage eines Abgeordneten, ob die Zeit nicht reif für eine Verstaatlichung der Bergwerke sei, antwortete Premierminister Baldwin im Unterhaus mit einem knappen „Nein“.[1][4] Die Auseinandersetzung um die Sowjetgelder lässt die Gegensätze in diesem erbitterten Arbeitskampf weiter bestehen.