Die französische Politik befindet sich erneut in einem Zustand fieberhafter Unruhe. Berichte über tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Regierung und die offene Drohung einer Kabinettsumbildung bestimmen die Debatten in den Wandelgängen der Kammer. Im Zentrum der Krise stehen Ministerpräsident Briand und sein Finanzminister Raoul Péret, deren Differenzen über den richtigen Weg zur Sanierung der Staatsfinanzen kaum mehr zu verbergen sind.[1]

Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, hat Finanzminister Péret mit seiner Demission gedroht. Er erklärte, er werde zurücktreten, falls keine Regierung auf breiterer parlamentarischer Basis gebildet wird.[1] Nach Angaben der Moskauer Prawda drängt Péret darauf, ein Kabinett der nationalen Einheit zu schaffen, das das finanzielle Wiederherstellungswerk ermöglichen soll.[2] Sein Grundgedanke ist, dass die finanziellen Schwierigkeiten nur gelöst werden können, wenn der Parteikampf ausgeschaltet wird. Diese Auffassung findet zwar prinzipiell auch die Zustimmung Briands.[1] Der Ministerpräsident bevorzugt jedoch seiner Gewohnheit gemäß ein langsames, abwägendes Vorgehen. Dies steht im Gegensatz zur sich zuspitzenden Frankenkrise, die nach schnellen und entschlossenen Maßnahmen verlangt.[3][1]

Die Erfolglosigkeit der bisherigen Versuche, den Kurs des Frankens zu stützen, hat in Regierungskreisen und in der Öffentlichkeit erhebliche Verunsicherung ausgelöst.[2] Die Regierung scheint zu zögern, die letzten Reste des Morgan-Kredits für Stützungskäufe einzusetzen. Gleichzeitig werden die Aussichten auf neue amerikanische Kredite als gering eingeschätzt.[2] Diese Lage hat den Kräften der Rechten neuen Auftrieb gegeben. Sie fordern eine grundlegende Neuformierung der Regierung.

Eine führende Rolle in diesen Bestrebungen spielt der Abgeordnete Franklin Bouillon, der ein „Kabinett der nationalen Einigkeit“ durchsetzen will.[3] Er beabsichtigt, durch eine Interpellation über die allgemeine Politik der Regierung eine Entscheidung zu erzwingen.[1] Eine solche Debatte würde Briand verpflichten, die Vertrauensfrage zu stellen. Dem spanischen Blatt El Sol zufolge wird diese politische Bewegung weniger von Politikern als vielmehr von Bankierskreisen betrieben, was bei Ministerpräsident Briand auf erhebliches Missfallen gestoßen sein soll.[4] Der Figaro meldet hingegen, dass Briand in einem Gespräch Franklin Bouillon nicht ermutigte, die Debatte unter den gegenwärtigen Umständen zu eröffnen. Dies deutet auf ein eher taktisches Manöver hin.[5]

Sollte sich der Plan Franklin Bouillons durchsetzen, würde nach Einschätzung deutscher Beobachter kein Kabinett der nationalen, sondern vielmehr eines der nationalistischen Einigkeit entstehen.[3] Die Sozialisten und der größte Teil der Radikalsozialisten würden einem solchen Bündnis fernbleiben. Es stützte sich ausschließlich auf die Rechtsparteien und einen kleinen Teil abtrünniger Radikalsozialisten.[3]

Unterdessen bemüht sich Finanzminister Péret, das Vertrauen in die Finanzpolitik wiederzugewinnen. Dem Pariser Temps zufolge erklärte er vor der Finanzkommission des Senats, dass die Regierung unter keinen Umständen an die Goldreserven der Banque de France rühren werde.[6] Somit erteilte er Forderungen aus sozialistischen Kreisen eine klare Absage. Darüber hinaus wurde bekannt, dass der Plan zur Einführung eines Couponheftes zur Steuererfassung endgültig eingestellt wurde, da man befürchtet, er könnte die Steuerhinterziehung eher begünstigen als eindämmen.[6]

Die Lage bleibt angespannt. In politischen Kreisen ist die Ansicht verbreitet, dass die Tage des Kabinetts Briand in seiner jetzigen Form gezählt seien.[3] Viele Abgeordnete sehen die einzige Lösung in der Bildung eines kleinen Expertenkabinetts, das mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet sein müsste, um die notwendigen, aber unpopulären Maßnahmen zur Stabilisierung des Frankens durchzuführen — selbst auf die Gefahr hin, eine schwere Wirtschaftskrise auszulösen.[3]