Die nach den umstürzlerischen Ereignissen des Mai gebildete neue polnische Regierung unter Ministerpräsident Bartel und Marschall Pilsudski tritt der Öffentlichkeit in einer noch unfertigen Gestalt entgegen. Wie der Pariser Temps aus Warschau meldet, hat die Besetzung wichtiger Ministerien mit bloßen Verwaltern anstelle ordentlicher Minister für einige Überraschung gesorgt.[1] Betroffen sind so wesentliche Ressorts wie das Außenministerium, das Ackerbauministerium, die Behörde für die Agrarreform sowie das Ministerium für öffentlichen Unterricht.[1]
Die Gründe für diese provisorische Lösung liegen offenbar in den noch nachwirkenden politischen Erschütterungen. Dem Temps zufolge haben mehrere bedeutende Persönlichkeiten die ihnen angetragenen Ministerposten abgelehnt.[1] So habe der bekannte Industrielle Swierzbieki, ein Abgeordneter der Rechten, das Handelsministerium ausgeschlagen. Der frühere Landwirtschaftsminister Poniatowski, der der Linken angehört, habe eine Rückkehr in sein altes Amt verweigert.[1] Aus unterrichteten Kreisen verlautet jedoch, dass diese Absagen nur vorläufiger Natur sein könnten.[1] Man hegt die Erwartung, dass das Kabinett in Kürze durch erstrangige Persönlichkeiten vervollständigt wird. Eine Beteiligung des Grafen Skrzyński gilt allerdings als ausgeschlossen.[1]
Im Mittelpunkt der politischen Bestrebungen steht indes eine weitreichende Verfassungsreform. Ministerpräsident Bartel erklärte gegenüber Vertretern der Presse, die Regierung müsse nun beraten, ob sie der Kammer einen Gesetzentwurf zur Änderung der Konstitution vorlegen oder für den Präsidenten der Republik unumschränkte Vollmachten zur Durchführung der Reform verlangen solle.[1] Diese zweite Möglichkeit würde eine erhebliche Stärkung der Exekutive auf Kosten des Parlaments bedeuten.
Unterdessen zirkulieren in politischen Kreisen der Hauptstadt weitere Spekulationen. Die Moskauer Prawda berichtet über Gerüchte, wonach die Regierung die Schaffung eines neuen Staatsrates plane.[2] Dieses Gremium solle aus 30 Mitgliedern bestehen; dabei seien Vertreter aller politischen Parteien des Sejm einbezogen, mit einer beratenden Funktion.[2] Nach Angaben der Prawda wird ferner die Möglichkeit erwogen, den Sejm nach Gewährung erweiterter Vollmachten an die Regierung für längere Zeit — möglicherweise sogar für ein ganzes Jahr — zu vertagen, ohne Neuwahlen anzuberaumen.[2]