Eine Woche vor dem Volksentscheid über die entschädigungslose Enteignung der früheren Fürstenhäuser hat die politische Auseinandersetzung eine Schärfe erreicht, die weit über die ursprüngliche Sachfrage hinausgeht und die Grundfesten der Parteienlandschaft erschüttert. Im Zentrum der jüngsten Ereignisse steht eine Personalie, die wie ein Blitz in das politische Berlin eingeschlagen ist: der Austritt des Reichsbankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht aus der Deutschen Demokratischen Partei.[1][2] Die Nachricht, die zunächst durch das *Hamburger Fremdenblatt* verbreitet wurde, hat in der Hauptstadt erhebliche Verwirrung ausgelöst und die ohnehin tiefen Gräben zwischen den Lagern weiter aufgerissen.[2]
Die Auslandspresse verfolgt die Entwicklung mit gespannter Aufmerksamkeit. Nach Berichten der *Washington Post* sehen zahlreiche Beobachter in dem bevorstehenden Referendum eine der ernstesten Bewährungsproben für die junge deutsche Republik.[3] Die Entscheidung vom 20. Juni, so heißt es dort, sei ein Lackmustest für die demokratische Gesinnung der Nation und berge erhebliche Gefahren für die Stabilität des Staates.[3]
### Der Fall Schacht und die Zerreißprobe der Demokraten
Dr. Schacht begründete seinen Schritt, wie das *Berliner Tageblatt* berichtet, mit der Haltung seiner Partei zum Volksentscheid.[1] Er habe eine eindeutig ablehnende Stellungnahme der Demokraten zu dem Enteignungsbegehren erwartet.[1] Die Parteileitung hatte jedoch nach langen internen Debatten beschlossen, keine positive Entscheidungsempfehlung abzugeben. In ihrer Entschließung vom 19. Mai bekannte sich die Partei zwar grundsätzlich zum Privateigentum als Grundlage der Wirtschaftsform, das durch die Verfassung gewährleistet sei.[1] Eine entschädigungslose Enteignung lehne man daher ab.[1] Eine klare Parole für ein „Nein“ beim Volksentscheid wurde jedoch vermieden. Diese Haltung veranlasste Dr. Schacht nun zum Bruch mit der Partei.
Die Reaktion der demokratischen Parteiführung fiel entsprechend scharf aus. Der „Demokratische Zeitungsdienst“ verwies darauf, dass die Partei sich von Beginn an für eine „gerechte und billige Auseinandersetzung“ mit den Fürsten eingesetzt, diese durch eigene Initiativen gefördert und eine verständige Lösung angestrebt habe.[1] Es sei nicht die Schuld der Demokraten, dass es vor dem Volksentscheid nicht mehr zu einem Kompromiss gekommen sei.[1] Das *Berliner Tageblatt* wirft Dr. Schacht in einem Kommentar offen vor, sich an den entscheidenden Beratungen des Parteivorstandes nicht beteiligt zu haben.[1] Wäre er seinen Bedenken rechtzeitig nachgegangen, hätte er ihnen Geltung verschaffen können.[1] Es wird bedauert, dass der Reichsbankpräsident sein Talent nicht zur Überwindung der Schwierigkeiten eingesetzt hat und nun einen Entschluss fasst, der seine bisherigen Gegner auf der Rechten erfreut.[1] Für den morgigen Montag ist eine Aussprache zwischen dem Parteivorsitzenden, Minister Koch, und Dr. Schacht anberaumt.[1]
Die bürgerliche Presse von rechts deutet den Vorgang als schwere Niederlage für die Demokratische Partei. Der *Kölnischen Zeitung* zufolge empfindet die Partei den Austritt Schachts als „schmerzlichen Schlag“.[4] Die Hinweise der Demokraten auf frühere Kompromissbemühungen seien lediglich ein „Plädoyer auf mildernde Umstände“.[4] In der Sache lenke dies nur von der Tatsache ab, dass die Demokratische Partei eine Parole ausgegeben habe, welche die Wähler verwirre und den Erwartungen von Sozialdemokraten und Kommunisten entsprechen müsse.[4] Die Zeitung unterstellt der Parteileitung zudem den Versuch, die Angelegenheit zunächst vertuschen zu wollen. Dies bestätige die Bestürzung im demokratischen Lager nur.[4]
### Zensur gegen den Abstimmungskampf
Unterdessen wird der Kampf um die öffentliche Meinung mit allen Mitteln geführt. Ein bemerkenswerter Vorgang ist das von der Berliner Filmprüfstelle ausgesprochene Verbot des Propagandafilms „Keinen Pfennig den Fürsten“.[5] Wie der *Vorwärts* darlegt, begründet die Zensurbehörde ihre Entscheidung mit einer angeblichen Irreführung des Publikums.[5] Der Film, der in Trickzeichnungen und Zwischentiteln für die Enteignung wirbt, nennt beispielsweise eine Summe von täglich 1670 Mark, die „Wilhelm in Doorn“ von der Republik beziehe.[5] Dies erwecke bei weniger unterrichteten Zuschauern den Eindruck, es handle sich um Bezüge für seine Person. Tatsächlich, so die Prüfstelle unter Berufung auf einen Sachverständigen, schließen diese Summen aber die Unterhaltskosten für das gesamte Haus Hohenzollern sowie die Generalverwaltung ein.[5]
Weiterhin beanstandet die Behörde die Darstellung einer Leibrente von 20.000 Mark für die Mätressen eines früheren Mecklenburger Fürsten.[5] Hier werde der Anschein erweckt, die Rente werde bereits gezahlt, obwohl es sich lediglich um eine gestellte Forderung handle, deren Erfüllung die Erben verweigert hätten.[5] Die Kammer forderte vom Filmhersteller, die Inschriften anzupassen; so solle etwa statt „Wilhelm in Doorn“ vom „Haus Hohenzollern“ die Rede sein.[5] Nachdem der Hersteller diese Änderungen ablehnte, wurde der gesamte Film verboten. In der linken Presse wird dies als ein Akt politischer Zensur scharf kritisiert.[5]
### Die Haltung der Parteien
Die Fronten der Parteien sind klar gezogen. Während Sozialdemokraten und Kommunisten entschieden für ein „Ja“ zur Enteignung werben, formiert sich auf der rechten Seite ein ebenso entschlossenes Lager der Gegner. Eine besondere Position nimmt das Zentrum ein. Aus Köln wird gemeldet, dass die Vertreter der dortigen Zentrumspartei nach Beratung eine Entschließung angenommen haben.[6] Darin werden die Anhänger aufgefordert, der Abstimmung am 20. Juni entweder fernzubleiben oder mit „Nein“ zu stimmen.[6] Gleichzeitig verlangt das Zentrum jedoch, dass die Fürsten bei der Zuweisung ihres nachgewiesenen Privateigentums mit demselben Maß deutscher Not und Verarmung gemessen werden müssten wie jeder andere Staatsbürger nach dem verlorenen Kriege.[6]
In einem Leitartikel des *Berliner Tageblatts* wird die Verlogenheit der Debatte angeprangert.[1] Es sei anstößig, wie zu Ehren übermäßiger Geldforderungen die Göttin der Gerechtigkeit angerufen und von „vaterländischer Pflicht“ gesprochen werde, während unzählige Deutsche hungerten und in Elend lebten.[1] Der Gegensatz zwischen dem „pompösen Moralaufwand“, um das Leben einiger Fürsten zu begünstigen, und der Not der zwei Millionen Erwerbslosen sei zu groß.[1] Der Brief von Reichspräsident von Hindenburg habe, so der Leitartikel, die schwierige Situation nur weiter verschlimmert.[1]