Die schwelende Unzufriedenheit in Elsass-Lothringen hat eine neue, ernste Zuspitzung erfahren.[1] Wie aus Paris gemeldet wird, hat die französische Regierung beschlossen, mit empfindlichen Maßnahmen gegen die Unterzeichner eines Manifestes des neu gegründeten „elsässischen Heimatbundes“ vorzugehen.[2] Justizminister Pierre Laval, der auch für die Angelegenheiten Elsass-Lothringens zuständig ist, kündigte an, dass alle beteiligten Staatsangestellten ihrer Ämter enthoben und gerichtlich belangt werden sollen.[1] Laut dem Pariser Temps richtet sich das Vorgehen gegen Beamte, städtische Magistratspersonen und Geistliche. Diese hatten mit ihrer Unterschrift die Forderung nach Autonomie unterstützt.[3] Die Beamten seien bereits suspendiert; für die Geistlichen würden Disziplinarverfahren eingeleitet.[3]
Die Pariser Regierung begründet ihr entschlossenes Vorgehen mit dem Vorwurf, die Autonomiebewegung diene separatistischen Zielen.[1] Der Aufruf des Heimatbundes verlangt zwar eine Autonomie „im Rahmen des französischen Staates“, wird jedoch in regierungsnahen Kreisen als heuchlerische Verschleierungstaktik dargestellt, hinter der deutsche Einflüsse vermutet werden.[3] Die Führer der Bewegung werden als deutsche Agenten bezeichnet. Man wirft ihnen vor, die Einheit der Nation zu gefährden.[1][3] Demgegenüber mahnt der Figaro zu einer klaren Unterscheidung zwischen deutscher Propaganda und den Forderungen elsässischer Bürger, auch wenn diese besonders streitbar erscheinen.[2] Der Zeitung zufolge könnte eine gesonderte Bestrafung der Autonomisten deren Anliegen nur bestärken.[2]
Die nationalistische Presse in Paris billigt das Vorgehen der Regierung uneingeschränkt.[1] Der Temps bemerkt, unter deutscher Herrschaft habe keiner dieser Beamten es gewagt, auch nur den kleinen Finger für eine Unabhängigkeit zu rühren, die sie nun von Frankreich verlangten.[3] Gleichzeitig versucht man, die Bewegung als unbedeutend darzustellen. Ihre Anhänger seien nur eine kleine Schicht verbitterter Intellektueller; das Volk und die Landbevölkerung stünden der Bewegung fern.[1][3] Als Beweis hierfür wird eine jüngste Wahl im Kanton Masevaux angeführt, bei der ein „patriotischer“ Kandidat gegen den vom Autonomistenführer Dr. Ricklin unterstützten Bewerber gewonnen habe.[3]
Auch Blätter, die der Regierung im Allgemeinen wohlgesinnt sind, können nicht bestreiten, dass in den zurückgewonnenen Provinzen seit Jahren eine tiefe Missstimmung herrscht.[1] Selbst der Temps räumt ein, dass die französischen Behörden schwere Fehler begangen haben und die Verwaltungsmethoden viele Missverständnisse hervorgebracht hätten.[3] Die Unzufriedenheit bezieht sich auf wirtschaftliche Fragen, die Schul- und Kirchenpolitik und insbesondere auf die Sprachenfrage.[1] Aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass selbst der franzosenfreundliche Bürgermeister von Reichshofen, de Leusse, in einem Aufsatz die Pariser Regierung eindringlich zum Handeln aufgefordert habe.[1] Er verlange eine weitgehende Dezentralisation und vor allem eine stärkere Berücksichtigung der deutschen Sprache in den Schulen, da die Kinder sonst weder Deutsch noch Französisch richtig lernten.[1]