Der nunmehr in der siebenten Woche andauernde Streik der britischen Bergarbeiter, der weite Teile der nationalen Wirtschaft lähmt, hat eine neue Phase der Auseinandersetzung erreicht. Während die Fronten zwischen den Gewerkschaften und den Grubenbesitzern verhärtet bleiben, mehren sich die Stimmen, die eine grundlegende Neuordnung der englischen Kohlenindustrie fordern und dabei den Blick nach Deutschland richten. Zugleich gewinnt der Konflikt durch die Frage sowjetrussischer Unterstützung für die Streikenden eine scharfe außenpolitische Note.
Am gestrigen Abend fanden, wie verlautet, erneut Besprechungen zwischen Mitgliedern des Kabinetts und Vertretern der Grubenbesitzer statt.[1] Im Mittelpunkt dieser Erörterungen stand die Möglichkeit einer Einigung, die den jetzigen Lohnstand beibehalten, jedoch den Achtstundentag anstelle des bisherigen Siebenstundentages einführen würde.[1] Eine solche Verlängerung der Arbeitszeit lehnen die Bergarbeiterführer bisher strikt ab. Daher ist ein Durchbruch in den Verhandlungen noch nicht abzusehen.
In dieser festgefahrenen Lage finden die Vorschläge des Industriellen Sir Alfred Mond wachsendes Gehör. Mond hat, wie die *Kölnische Zeitung* berichtet, allen Bergbaubezirken eine Beschreibung des deutschen Kohlensyndikats zukommen lassen. Für seinen Plan zur Schaffung einer ähnlichen Organisation in Großbritannien fand er breite Zustimmung.[2] In diesen Kreisen besteht jedoch Einigkeit, dass ein solcher Plan der Unterstützung durch die Regierung bedarf, um den Widerstand eines einflussreichen, aber kleinen Teils der Grubenbesitzer zu überwinden.[2] Mond selbst äußerte sich zuversichtlich, dass nach einer inneren Neuordnung auch ein Übereinkommen mit der ausländischen, insbesondere der deutschen, Kohlenindustrie zu erzielen sei.[2]
Das Interesse an deutschen Organisationsformen spiegelt sich auch in der Presse wider. Nach Angaben der *Badischen Presse* lassen verschiedene englische Zeitungen wie die *Daily News* ihre Korrespondenten ausführliche Berichte über die Organisation der Kohlenindustrie an der Ruhr verfassen.[1] Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, wie viel die englische Industrie daraus lernen könne, um aus ihrer tiefen Krise herauszufinden.[1]
Inzwischen beherrscht die politische Seite des Arbeitskampfes das allgemeine Interesse. Besonders die Frage der Finanzierung des Streiks aus dem Ausland sorgt für erhebliche Spannungen. Wie die *Times* meldet, hat die britische Regierung bereits vor beinahe vierzehn Tagen eine Note an Sowjetrussland übermitteln lassen. Darin werden die Geldsendungen während des Generalstreiks beanstandet.[2] Die Verantwortung der Moskauer Regierung sei dadurch erwiesen, dass eine Geldausfuhr aus Russland ohne Genehmigung der dortigen Behörden unmöglich ist.[2] Ob eine Antwort auf diese Note erfolgen wird, gilt als ungewiss.
Die Angelegenheit hat auch innenpolitische Folgen. Dem *Daily Mail* zufolge hat eine Reihe führender konservativer Abgeordneter eine Unterredung mit Premierminister Baldwin verlangt. Ziel war es, ihm die Notwendigkeit nahezubringen, die Vertreter Sowjetrusslands aus England auszuweisen.[2] Auch die sowjetische Presse berichtet eingehend über die Vorgänge in London. Nach einer Meldung der Moskauer *Prawda* wird erwartet, dass der Abgeordnete Wheatley in der morgigen Unterhausdebatte den Premierminister Baldwin zur Haltung der Regierung befragen wird.[3]
Diese Debatte im Unterhaus, die auf Wunsch der Arbeiterpartei stattfindet, wird mit großer Spannung erwartet. Die Labour Party verlangt, dass ein Regierungsvertreter die Aussprache mit einer Erklärung darüber einleitet, welche Gesetzes- und Verwaltungsmaßnahmen die Regierung zu ergreifen gedenkt, um die Vorschläge des amtlichen Kohlenausschusses unverzüglich umzusetzen.[2] Es wird angenommen, dass der Premierminister selbst an der Aussprache teilnehmen wird, die der verfahrenen Lage möglicherweise eine neue Wendung geben kann.[2]