Die nach dem Staatsstreich Marschall Pilsudskis gebildete Regierung unter Ministerpräsident Bartel hat nun die Richtlinien ihrer künftigen Politik dem Sejmmarschall Rataj vorgelegt.[1] Im Mittelpunkt der Vorschläge, die am 22. Juni dem wieder zusammentretenden Sejm vorgelegt werden sollen, steht insbesondere eine tiefgreifende Änderung der Verfassung. Zudem wird die Genehmigung eines Budgetprovisoriums für die kommenden drei Monate angestrebt.[1]
Die geplanten Verfassungsänderungen sehen eine erhebliche Stärkung der Exekutive, insbesondere des Staatspräsidenten, vor. Den Regierungsvorlagen zufolge soll das Staatsoberhaupt künftig das Recht erhalten, den Sejm aufzulösen.[1][2] Diese Befugnis wäre allerdings an einen einstimmigen Beschluss des Ministerrates gebunden und könnte nicht ausgeübt werden, solange ein Misstrauensantrag gegen die Regierung anhängig ist.[1] Weiterhin ist vorgesehen, das Vetorecht des Präsidenten auf das Budgetgesetz auszudehnen und der Regierung zu gestatten, während der parlamentsfreien Zeit Gesetze im Wege der Verordnung zu erlassen.[1][2]
Diese Pläne zur verstärkten Befugnisübertragung auf die Exekutive stoßen jedoch auf wachsenden Widerstand, insbesondere bei den Parteien, die den Umsturz zunächst unterstützt hatten. Die drei großen Linksparteien — die Polnische Sozialistische Partei, die Bauernpartei und die Partei „Wyzwolenie“ — haben dem Sejmmarschall Rataj ein offizielles Schreiben überreicht, in dem sie unmissverständlich die sofortige Auflösung des Parlaments fordern.[2] Damit tritt der Konflikt zwischen der Regierung Bartel und der Linken offen zutage. Während der Ministerpräsident darauf besteht, dass der gegenwärtige Sejm die Verfassungsrevision noch zu bestätigen habe, verlangen seine einstigen Verbündeten Neuwahlen.[2] Selbst das sozialistische Blatt *Robotnik*, das sich zuvor für eine Verfassungsreform ausgesprochen hatte, wendet sich nun gegen die Vorhaben der Regierung und bezeichnet sie als dem demokratischen Geist widersprechend.[2]
Die allgemeine politische Lage in Warschau bleibt von großer Ungewissheit geprägt. Viele Kreise zeigen sich enttäuscht, weil das Kabinett Bartel als provisorische Regierung auftritt, ohne eine klare Linie erkennen zu lassen.[1] Marschall Pilsudski selbst festigt unterdessen seine persönliche Machtstellung. Durch ein Dekret des neuen Präsidenten Mościcki wurde er zum Vorsitzenden des Obersten Kriegsrats ernannt. Damit wird seinem Wunsch nach engster Fühlung mit dem Heer entsprochen.[2][3]
In der polnischen Presse werden die Ereignisse kontrovers beurteilt. Aus dem rechtsstehenden Krakauer Blatt *Czas* geht hervor, dass man dort die Eignung des Präsidenten Mościcki für sein Amt bezweifelt und ihn lediglich als Statthalter Pilsudskis betrachtet.[4] Nach dieser Einschätzung könnte die Präsidentschaft Mościckis nur von kurzer Dauer sein, sollte Pilsudski beabsichtigen, das Amt nach der erfolgten Erweiterung der präsidialen Befugnisse selbst zu übernehmen.[4] Auch auf der Rechten wächst die Neigung, sich mit der geschaffenen Lage abzufinden und die Diktatur für eigene Ziele, etwa in der Sozialgesetzgebung, zu nutzen.[1]