Der Konflikt um den Philosophieprofessor Theodor Lessing an der Technischen Hochschule Hannover hat sich am Montag weiter zugespitzt. Dem Beschluss der Studentenschaft folgend, boykottierte die überwältigende Mehrheit der Studierenden die Lehrveranstaltungen, weshalb der Vorlesungsbetrieb weitgehend zum Erliegen kam.[1] Der Streik, der sich gegen die Person und die Lehren Professor Lessings richtet, soll auch am heutigen Dienstag fortgesetzt werden.[1][2] Erst am Mittwoch ist mit einer Wiederaufnahme des regulären Hochschulbetriebs zu rechnen.[1]
Professor Lessing selbst hielt seine für 17 Uhr angesetzte Vorlesung trotz des Boykotts ab.[3] Er traf, von Freunden und einigen seiner wenigen verbliebenen Hörer begleitet, kurz vor Beginn an der Hochschule ein und betrat das Gebäude durch einen Seiteneingang.[3][2] Vor dem Hauptportal hatte sich eine Menschenmenge versammelt, während die Polizei dafür sorgte, dass es zu keinen größeren Ansammlungen oder Zwischenfällen kam.[3][2] Im Inneren der Hochschule blieb es ruhig, da die Hörsäle leer standen.[3]
Zwar betonen die hannoverschen Studenten, es handle sich nicht um eine antisemitische Hetze, doch eine Erklärung der Göttinger Vereinigung „Für Recht und deutsche Volksgemeinschaft“ enthüllt die eigentlichen Motive.[3] Darin wird die Eignung „fremdblütiger, insbesondere jüdischer Hochschullehrer“ grundsätzlich in Abrede gestellt, da diese für die „dem deutschen Gemüt unentbehrlichen Ideale des Vaterlandes und der Ehre“ kein Verständnis besäßen.[3] Die Erklärung gipfelt in der Forderung: „Wir lehnen jeden Unterricht von Fremdblütigen ab.“[3] Inzwischen hat einer der Hörer Lessings die Exmatrikulation beantragt. Wie das *Berliner Tageblatt* berichtet, könne er den von der Studentenschaft ausgeübten Terror nicht länger ertragen.[3]
Die Aktionen der Studenten erfahren zudem Unterstützung aus Industriekreisen. Der Zentralvorstand deutscher Eisen- und Stahlindustrieller sandte den Streikenden ein Telegramm, in dem er ihnen in ihrem „Kampf für die Würde der deutschen Hochschule“ ein „herzliches Glückauf“ wünscht.[1] Andererseits wird auch Widerspruch laut. Aus dem *Hamburger Echo* geht hervor, dass der „Bund Vereinigung freiheitlicher Akademiker“ und der „Deutsche Pazifistische Studentenbund“ die Vorgänge scharf verurteilen und ihre Solidarität mit Professor Lessing bekundet haben.[4] Die Affäre hat ferner politische Folgen in Hannover: Die sozialdemokratische Fraktion stellte einen Misstrauensantrag gegen Oberbürgermeister Dr. Menge wegen Kompetenzüberschreitung im Umgang mit dem Fall.[4] Nach Angaben der *Deutschen Allgemeinen Zeitung* beabsichtigt Professor Lessing, am Mittwoch nach Berlin zu reisen, um erneut mit dem preußischen Kultusministerium Fühlung aufzunehmen.[2]