Die schwelende Regierungskrise in Frankreich, die sich in den letzten Tagen angesichts des unaufhaltsamen Verfalls des Franc zugespitzt hatte, ist gestern in ihre entscheidende Phase getreten. Finanzminister Raoul Péret reichte am Vormittag seinen Rücktritt ein,[1][2] was im Laufe des Nachmittags zur Gesamtdemission des Kabinetts unter Ministerpräsident Aristide Briand führte.[3] Trotz eines kurz zuvor in der Kammer errungenen Vertrauensbeweises sah sich die Regierung außerstande, die durch den Abgang des Finanzministers entstandene Lage durch eine einfache Neubesetzung des Postens zu meistern.

Der Rücktritt Pérets war seit Längerem erwartet worden.[4] Er ist bereits der dritte Finanzminister, der seit Briands Amtsübernahme im November des Vorjahres an der ungelösten Währungsfrage scheiterte.[5][6] In einem Kommuniqué erklärte Péret, sein Schritt sei notwendig geworden, da ihm die für die Sanierung der Finanzen und den Schutz des Franc unerlässliche Unterstützung gefehlt habe.[1] Diese Bemerkung wird in politischen Kreisen unterschiedlich gedeutet. Während die Sozialisten der Bank von Frankreich vorwerfen, dem Minister die Unterstützung versagt zu haben, sehen andere Kommentatoren darin einen Hinweis darauf, dass eine stabile parlamentarische Mehrheit für die notwendigen einschneidenden Maßnahmen fehlte.[1]

Die dramatischen Ereignisse nahmen in der Kammersitzung am Nachmittag ihren Lauf. Ministerpräsident Briand bat die Kammer angesichts der Demission seines Finanzministers um einen Aufschub der anstehenden finanzpolitischen Interpellationen bis Donnerstag.[7] Er führte aus, die Regierung benötige Zeit, um die neue Lage zu beraten. Briand verteidigte die Arbeit Pérets, der es immerhin vermocht habe, einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.[7] Trotz des Widerstands der Linken, insbesondere des Kommunisten Cachin und des Sozialisten Auriol, die eine sofortige Debatte forderten, stimmte die Kammer dem Antrag der Regierung mit einer deutlichen Mehrheit von 309 gegen 195 Stimmen zu.[4]

Dieser Abstimmungserfolg erwies sich jedoch als trügerisch. Unmittelbar nach der Sitzung trat der Ministerrat im Außenministerium zusammen.[4] Nach eingehender Beratung gelangten die Minister einstimmig zu dem Schluss, dass eine bloße Umbildung des Kabinetts nicht mehr möglich sei. Daher müsse die Regierung geschlossen zurücktreten.[3] Ministerpräsident Briand begab sich daraufhin mit den übrigen Kabinettsmitgliedern in den Élysée-Palast, um Präsident Doumergue die Demission zu überreichen. Der Präsident nahm den Rücktritt an und beauftragte das Kabinett mit der provisorischen Weiterführung der Amtsgeschäfte, bis eine neue Regierung gebildet ist.[4]

Die unmittelbare Ursache der Krise ist der erneute dramatische Kursverfall des Franc. An der Londoner Börse erreichte die Währung mit 179,25 Franc für ein Pfund Sterling einen neuen Tiefstand; nach Bekanntwerden von Pérets Rücktritt erholte sie sich leicht und schloss bei 174.[5] Demgegenüber meldet das *Hamburger Echo* einen Schlusskurs von 178,5, der ebenfalls einen Rekordtiefstand darstellt.[3] Auch der belgische Franc wurde von dieser Entwicklung erfasst und fiel auf 173,75.[3] Die politische Ungewissheit hat bereits außenpolitische Auswirkungen: Die spanisch-französische Konferenz über Marokko wurde bis auf Weiteres verschoben.[8]

In den politischen Zirkeln von Paris haben die Mutmaßungen über die Zusammensetzung einer zukünftigen Regierung bereits begonnen. Allgemein wird erwartet, dass nun der Versuch unternommen wird, ein „Kabinett der Nationalen Einigkeit“ zu bilden, das sich auf eine breitere Basis von der Rechten bis zu Teilen der Linken stützen könnte.[3][6] Finanzminister Péret selbst galt als Befürworter dieser Lösung, der bislang jedoch den Ansätzen Briands widersprochen hatte.[5] Als mögliche Kandidaten für das Finanzministerium werden nun verschiedene Namen genannt, darunter der frühere Ministerpräsident Raymond Poincaré und auch André Tardieu.[8][4] Aus dem *Berliner Tageblatt* geht hervor, dass Justizminister Laval, ein enger Vertrauter Briands, unmittelbar nach der Kammersitzung eine lange Unterredung mit Joseph Caillaux führte, dessen Rückkehr ebenfalls als Möglichkeit erwogen wird.[4] Auch eine Regierung unter Führung des Radikalsozialisten Édouard Herriot erscheint nicht ausgeschlossen.[8][1] In den kommenden Tagen wird sich erweisen, ob es angesichts der bestehenden politischen Gegensätze möglich ist, eine Einigung über ein umfassendes Sanierungsprogramm zu erzielen, das das Vertrauen in die französische Währung wiederherstellen könnte.