Wenige Tage vor dem 20. Juni, dem Tag des Volksentscheids über die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen deutschen Fürstenhäuser, hat der politische Kampf um die Zustimmung oder Ablehnung des Volkes seinen Höhepunkt erreicht. Die Auseinandersetzung, die das Reich seit Monaten in Atem hält, wird mit einer Schärfe geführt, die an die unruhigen ersten Jahre der Republik erinnert. Sie spaltet nicht nur die Parteien, sondern auch Familien und gesellschaftliche Gruppen. Im Kern geht es um die Grundfragen des Eigentums und der Gerechtigkeit im neuen Staat.

Die Fronten haben sich in den letzten Wochen verhärtet. Auf der einen Seite stehen die Kommunisten, die das Volksbegehren initiierten, und die Sozialdemokraten, die sich nach anfänglichem Zögern der Kampagne anschlossen. Sie fordern, wie es auf dem Stimmzettel heißen wird, dass der „Entwurf eines Gesetzes über Enteignung der Fürstenvermögen“ Gesetz werden solle.[1] Auf der anderen Seite formiert sich ein breites, wenn auch uneiniges Lager der Gegner. Dieses reicht von den bürgerlichen Regierungsparteien über Wirtschaftsverbände bis hin zu deutschnationalen Kreisen.

### Die Argumente der Gegner

Die Gegner der Vorlage brandmarken diese als einen Angriff auf das Rechtsprinzip und als einen gefährlichen Präzedenzfall. Die *Kölnische Zeitung* bezeichnet das Vorhaben als ein „Unrecht“ mit unabsehbaren Folgen. Es werde vor allem durch die Aufstachelung von Emotionen und die Verzerrung von Tatsachen vorangetrieben.[2] Die Urheber des Volksentscheids, so führt das Blatt aus, verfolgten in Wahrheit destruktive Ziele, die auf einen neuen Umsturz abzielten.[2] Ähnlich argumentiert eine Gruppe namhafter Persönlichkeiten, die der Deutschen Demokratischen Partei nahestehen, in einer viel beachteten Erklärung, die unter anderem im *Hamburger Fremdenblatt* veröffentlicht wurde.[3][2] Die Unterzeichner, darunter die Professoren Hans Delbrück und Friedrich Meinecke sowie der frühere Reichsschatzsekretär Georg Gothein, bezeichnen den Antrag als eine „krasse Vergewaltigung der Begriffe des Rechts und des Eigentums“.[2] Sie erklären weiterhin, die einzig richtige Lösung sei die Einsetzung eines Sondergerichts, wie es der Reichstag bereits berate.[3] Die Unterzeichner halten es für „unheilvoll“, dass der Vorstand der Demokratischen Partei aus taktischen Gründen keine feste Parole ausgegeben hat. Sie fordern ihre Gesinnungsgenossen auf, den Volksentscheid durch Nichtbeteiligung an der Abstimmung abzulehnen.[3][2]

Auch der frühere badische Minister Hermann Dietrich übt in der *Badischen Presse* scharfe Kritik. Er macht die „totale Unfähigkeit“ zahlreicher Revolutionsregierungen dafür verantwortlich, dass die Auseinandersetzung mit den Fürstenhäusern nicht längst nach politischen Grundsätzen beigelegt wurde.[3] Nun, nach beinahe acht Jahren, werde das Volk aufgerufen, eine Frage zu erledigen, an deren Lösung der Reichstag — insbesondere die großen Flügelparteien der Sozialdemokraten und Deutschnationalen — durch mangelnde Kompromissbereitschaft gescheitert sei.[3]

Die Regierungsparteien setzen auf ein Scheitern des Entscheids und auf eine anschließende parlamentarische Lösung. Außenminister Dr. Stresemann wies laut dem *Harburger Tageblatt* bei einer Versammlung in Hagen die Behauptung zurück, seine Deutsche Volkspartei blockiere eine Lösung.[4] Er erklärte, vielmehr werde sich die Reichsregierung nach dem erwarteten negativen Ausgang der Abstimmung mit allem Nachdruck für die Annahme ihres Vergleichsvorschlags einsetzen.[4]

### Die Agitation der Befürworter

Die Befürworter der Enteignung führen ihren Kampf mit ebenso großem Einsatz. Der *Vorwärts*, das Zentralorgan der Sozialdemokratie, prangert täglich die vermeintliche Gier und Verschwendungssucht der ehemaligen Herrscher an. So wird an den Besuch des Kaiserpaares in Köln im Jahre 1911 erinnert. Für diesen seien im Gürzenich eigens zwei Marmorklosetts für 40.000 Mark eingebaut worden, die dann nicht einmal benutzt wurden.[5] Als weiteres Beispiel für die großen Forderungen der Fürstenhäuser führt das Blatt eine lange Liste der Ansprüche der Wittelsbacher in Bayern an. Diese umfassen neben zahlreichen Schlössern und Ländereien auch Kunstwerke aus der Alten Pinakothek und der Glyptothek sowie Kapital in Höhe von 60 Millionen Mark.[5] Das Blatt argumentiert, dass die Wittelsbacher ihren Besitz größtenteils als Landesherren erworben hätten und die heute lebende Linie 1799 ohnehin mittellos nach Bayern gekommen sei.[5]

Die polemische Schärfe der Debatte zeigt sich auch in persönlichen Angriffen. Der *Vorwärts* verspottet einen Beitrag des Freiherrn Börries von Münchhausen in der *Deutschen Allgemeinen Zeitung*, in dem dieser den Gesetzesantrag als „Anstiftung zu einem Verbrechen“ bezeichnete und das Eingreifen eines „Mannes“ forderte, der dazu „weder Gesetz noch Parlament“ brauche.[5] Solche Äußerungen, so das sozialdemokratische Blatt, erweckten nur noch Heiterkeit.[5]

### Internationale Stimmen und die Stimmung im Land

Die Auseinandersetzung wird auch im Ausland aufmerksam verfolgt. So berichtet die Pariser Zeitung *Le Temps*, dass der Vorstand der deutschen Lokomotivführer-Liga ein Manifest gegen den Volksentscheid veröffentlicht habe.[6] Darin werde befürchtet, dass die Enteignung der Fürstenhäuser nur das Vorspiel zu einer allgemeinen Enteignung zugunsten der kommunistischen Führer sei.[6] Diese Stimme aus dem Lager der organisierten Arbeiterschaft zeigt, dass die Trennlinien in dieser Frage keineswegs einfach zwischen rechts und links verlaufen.

Für die Gültigkeit des Volksentscheids ist die Zustimmung der Mehrheit der Stimmberechtigten erforderlich. Das bedeutet, dass mindestens 20 Millionen Ja-Stimmen notwendig sind. Die Stimmabgabe erfolgt durch Ankreuzen im „Ja“- oder „Nein“-Feld auf dem Stimmzettel.[1] Die Gegner der Vorlage setzen auf die hohe Hürde des Quorums und rufen zur Stimmenthaltung auf. Die kommenden Tage werden zeigen, welche Seite es vermag, die Massen zu mobilisieren — in einer Frage, die tief an die Fundamente der Republik rührt.