Der französische Hochkommissar für Syrien, Henry de Jouvenel, hat am Donnerstag vor dem ständigen Mandatsausschuss des Völkerbundes in einer öffentlichen Sitzung ausführlich zur Lage im französischen Mandatsgebiet Stellung genommen. Die Sitzung, die eigens für Jouvenels Anhörung öffentlich abgehalten wurde, fand unter großem Interesse von Presse und Diplomatie statt.[1] Der Präsident des Ausschusses, der italienische Marchese Theodoli, begrüßte den Hochkommissar mit außerordentlich warmen Worten und dankte ihm für sein persönliches Erscheinen in Genf.[1][2]
In seinen Ausführungen, die laut Berichten der *Deutschen Allgemeinen Zeitung* einen unsicheren Eindruck machten, rechtfertigte de Jouvenel die bisherige französische Politik.[1] Das Bombardement von Damaskus schilderte er als eine begrenzte Polizeiaktion. Diese habe sich gegen eine Vorstadt gerichtet, aus der die Zivilbevölkerung bereits geflohen sei.[1][2] Den unlängst geschlossenen Vertrag von Angora mit der Türkei verteidigte er als nationalen Erfolg und als einen Pakt der guten Nachbarschaft, der die Nordgrenze Syriens sichere.[1][2] Der Vertrag soll nach der Ratifizierung durch das türkische Parlament beim Völkerbundsekretariat eingetragen werden.[3] De Jouvenel führte weiter aus, dass die syrische Bevölkerung nach seiner Darstellung selbst nicht wisse, was sie wolle. Sie sei politisch noch unentwickelt und in feudalen Strukturen verhaftet, weshalb sich die verschiedenen Führer gegenseitig widersprächen.[1]
Es kam zu einem Zwischenfall, als de Jouvenel den im Saal anwesenden syrischen Führer, Emir Schekib Arslan, beschuldigte, ein Strohmann Kemal Paschas zu sein.[1] Der Emir erhob sich daraufhin zu einem Protestruf, wurde jedoch von einem Polizisten durch einen Griff an die Schulter am Weitersprechen gehindert und zum Stillsitzen veranlasst.[4][1][2] Nach Meldungen der *Washington Post* konnte damit eine gewalttätige Szene vermieden werden. Diese wäre ähnlich dem jüngsten Angriff auf den ungarischen Ministerpräsidenten Bethlen ausgefallen.[4]
De Jouvenel erläuterte im weiteren Verlauf seine Pläne für das Mandatsgebiet. Nachdem die Grenzen gesichert seien, beabsichtige Frankreich, zwischen den einzelnen syrischen Staaten — Syrien, Libanon, dem Alawitengebiet und dem noch umkämpften Drusengebiet — durch Sicherheitsverträge und Schiedsverfahren den Frieden herzustellen.[3] Anschließend solle ein umfassender Vertrag von 30-jähriger Dauer zwischen Frankreich und diesen Staaten, nach dem Vorbild des Abkommens zwischen England und dem Irak, dem Mandat eine neue Form geben.[3] De Jouvenel betonte dabei, dass die Locarno-Verträge als Vorbild für dieses syrische Vertragssystem dienen sollten und wies die in Asien verbreitete Ansicht zurück, Locarno richte sich gegen Asien.[3]
Er sei ein Gegner der Kolonisation, erklärte der Hochkommissar zum Schluss seiner Rede, wie der Pariser *Figaro* berichtet.[2] Sein Ziel sei es, den Tag vorzubereiten, an dem die syrischen Staaten ihre Aufnahme in den Völkerbund beantragen könnten. Dann werde Frankreich sein Mandat erfüllt haben.[2] Unmittelbar nach dem Ende dieser für die Öffentlichkeit bestimmten Darstellung wurde jedoch bekannt, dass die Beratungen des Mandatsausschusses über den Bericht de Jouvenels in geheimer Sitzung stattfinden werden.[3] Wie die *Kölnische Zeitung* hierzu anmerkt, wurde die Presse damit erneut nur als Zeuge für die Darstellungen der Großmächte zugelassen, nicht aber für die weitaus wichtigere kritische Kontrolltätigkeit des Völkerbundes.[3]