Deutschland tritt heute an die Wahlurnen. In den rund 68.000 Stimmbezirken des Reiches entscheiden die Bürger über einen Gesetzentwurf, der die entschädigungslose Enteignung der ehemaligen deutschen Fürstenhäuser vorsieht.[1] Dieser Volksentscheid, der erste seiner Art in der jungen deutschen Republik, bildet den Höhepunkt einer monatelangen, erbittert geführten Auseinandersetzung, die das Volk tief gespalten hat. In Regierungskreisen wird nicht verhehlt, dass die heutige Abstimmung eine der schwersten Bewährungsproben darstellt, vor der die Republik seit ihrer Gründung stand.[1] Ein Erfolg des von Kommunisten und Sozialdemokraten initiierten Vorhabens, so die Befürchtung, würde unweigerlich eine nationale und politische Krise nach sich ziehen.[2][1]
Die Hürden für die Annahme des Gesetzes sind durch die Verfassung hoch gesetzt: Mindestens 20 Millionen Ja-Stimmen sind erforderlich, damit der Entscheid Gesetzeskraft erlangt.[3][1] Ob diese Mehrheit erreicht wird, ist ungewiss; dass der Ausgang die politische Landschaft des Reiches auf lange Zeit prägen wird, steht jedoch außer Frage.
### Der Kampfruf der Linken
Für die Sozialdemokratie und die Kommunistische Partei ist der heutige Tag mehr als eine Abstimmung über Vermögensfragen. Der *Vorwärts* spricht von einer „großen politischen Auseinandersetzung“ im Namen der Republik gegen die „monarchistische Gegenrevolution“.[4] Es gelte, so das Zentralorgan der SPD, Fürsten und Reaktion gemeinsam zu schlagen.[4] Die Befürworter sehen ihr Handeln von „gerechter sittlicher Empörung“ getragen und stellen die moralische Legitimität der fürstlichen Ansprüche grundsätzlich infrage.[4]
Im Reichstag und in der Presse wurden in den letzten Wochen zahlreiche Fälle angeführt, die die Schamlosigkeit der Forderungen belegen sollen. So verlange die ehemals mecklenburgische Prinzessin Jutta unter Berufung auf den Vertrag von Versailles eine Entschädigung von 24 Millionen Goldmark.[4] Der ehemalige Herzog von Coburg-Gotha, heute ein Schutzherr der vaterländischen Verbände, beansprucht die Schmalkaldener Forsten. Diese habe sein Vorfahr einst als „Beutegeld für Kriegshilfe“ vom preußischen König erhalten.[4] Auch Wilhelm II. fordere aus seinem holländischen Exil noch 300.000 Morgen deutschen Bodens, während Hunderttausende Familien durch die Kriegsfolgen in tiefste Not gestürzt seien.[4]
Die Sozialdemokraten argumentieren, dass ein Großteil des beanspruchten Privateigentums in Wahrheit ehemaliges Staatseigentum sei, das die Monarchen durch Kabinettsorder unter Missbrauch der Gesetze zu ihrem Hausvermögen erklärt hätten.[4] In der Reichshauptstadt erreichte die Propaganda in den letzten Tagen ihren Höhepunkt. Wie das *Hamburger Echo* berichtet, zogen große Möbelwagen durch die Straßen, auf denen Bilder das Elend der Kriegsinvaliden und Kleinrentner dem luxuriösen Leben der ehemaligen Herrscher gegenüberstellten.[5] Insbesondere die Arbeiterviertel zeigten reichen Fahnenschmuck in den Farben Rot und Schwarz-Rot-Gold.[5] Die *Kölnische Zeitung* berichtet von weiteren Propagandamethoden der Linken. Dazu zählen auf Lastkraftwagen postierte „Sprech- und Schreichöre“ sowie Sportler, die im Dauerlauf Parolen für den Sonntag verbreiteten.[3]
### Die Parole der bürgerlichen Mitte und der Rechten
Auf der Gegenseite haben sich die bürgerlichen Parteien und die nationalen Verbände formiert. Ihr Hauptargument ist die Wahrung des Rechtsstaates und der Schutz des Privateigentums.[3] Eine entschädigungslose Enteignung, so die *Kölnische Zeitung*, stelle einen Bruch der Rechts- und Sittengesetze dar und würde „politisches und wirtschaftliches Chaos“ heraufführen.[3]
Die *Deutsche Allgemeine Zeitung* und andere bürgerliche Blätter rufen die Wähler nicht zur Abgabe einer Nein-Stimme, sondern zur Stimmenthaltung auf.[3][2] Man will somit vermeiden, dass die Urheber des Volksentscheids aus einem bloßen zahlenmäßigen Überwiegen der Ja- über die Nein-Stimmen einen moralischen Sieg ableiten, falls die erforderliche Mehrheit von 20 Millionen Stimmen verfehlt wird.[3] Die Enthaltung gilt als wirksamste Ablehnung und soll den Weg für eine sachliche, bereits begonnene Auseinandersetzung freimachen.[2] Ein Kompromissentwurf der Reichsregierung, der auch von der preußischen Regierung und somit indirekt von den Sozialdemokraten gebilligt worden sei, liege bereits vor.[2]
### Internationale Bedenken und amerikanische Nüchternheit
Im Zuge der hitzigen Debatte wurde von nationalen Kreisen wiederholt die Gefahr beschworen, eine Annahme des Enteignungsgesetzes würde das Vertrauen des ausländischen Kapitals in Deutschland erschüttern. Die *Deutsche Zeitung* verbreitete die Nachricht, amerikanische Bankiers hätten mit der Verweigerung weiterer Kredite gedroht.[6]
Diese Behauptungen riefen jedoch scharfen Widerspruch hervor. Das *Berliner Tageblatt* zitiert einen Bericht des *Hamburger Fremdenblatts*, dessen New Yorker Vertreter von „peinlichstem Befremden“ in den dortigen Finanzkreisen spricht.[6] Ein leitendes Mitglied des Bankhauses Dillon, Read & Co. erklärte demnach, es handle sich um eine „rein innerdeutsche Angelegenheit“, zu der man keine Stellung nehme.[6] Aus New York wird weiter berichtet, die Wall Street sei froh, überhaupt Anleiheangebote aus Deutschland zu erhalten. Für das deutsche Ansehen als schädlich werden dort vielmehr die beständigen Berichte über innere Krisen und Zusammenstöße betrachtet.[6] Auch das *Hamburger Echo* meldet, dass amerikanische Bankfirmen einen Finanzboykott entschieden verneinten. Empörung herrsche dort über den Versuch des ehemaligen Kaisers, das Ausland gegen das eigene Volk aufzubringen.[5]
Reichsaußenminister Dr. Stresemann sah sich ebenfalls veranlasst, in einem Gespräch mit dem holländischen *Algemeen Handelsblad* ausländische Missverständnisse auszuräumen. Er betonte, es gehe bei der Abstimmung keineswegs um die Frage „Republik oder Monarchie“, sondern allein um die Vermögensauseinandersetzung.[3]
Die Lage am Vorabend der Abstimmung war im ganzen Reich sehr angespannt. Aus Halle wurde ein heftiger Zusammenstoß zwischen Stahlhelm-Anhängern und Roten Frontkämpfern gemeldet, bei dem es zahlreiche Verletzte gab.[3] Das Ergebnis des heutigen Tages wird mit Spannung erwartet; es wird zeigen, ob die Argumente des Rechts oder die der sozialen Gerechtigkeit im deutschen Volk größeres Gewicht haben.