Nach dem Scheitern Aristide Briands, eine Regierung der nationalen Konzentration zu bilden, steht Frankreich erneut vor einer Kabinettskrise, deren Lösung nun dem Kammerpräsidenten Édouard Herriot anvertraut wurde. Die Aufgabe, die sich ihm stellt, ist jedoch weniger parteipolitischer als vielmehr finanzieller Natur. Herriot hat, wie aus seinen ersten Schritten hervorgeht, die ernste Lage erkannt und stellt die Ausarbeitung eines tragfähigen Finanzprogramms über die personelle Besetzung der Ministerien.[1]

In einem amtlichen Kommuniqué ließ Herriot verlauten, dass seine zahlreichen Besprechungen mit Politikern verschiedener Richtungen — von den Sozialisten bis zu den gemäßigten Mittelparteien wie Bokanowski — keine Rückschlüsse auf die Kabinettsbildung zulassen.[1] Sein Hauptaugenmerk gilt vielmehr den dringenden Finanzfragen. Er führte lange Gespräche mit dem Gouverneur der Bank von Frankreich sowie mit dem Präsidenten des Sachverständigenkomitees.[1] Herriot will sich, bevor er irgendeine politische Festlegung trifft, zunächst vollständige Klarheit über die wahren Verhältnisse der Staatskasse verschaffen.[2]

Dem Vernehmen nach hat er einen präzisen Fragenkatalog an die Finanzinstitute gerichtet. Es soll geklärt werden, welche Verpflichtungen in den kommenden Wochen fällig werden und ob die Schatzkammer diese ohne eine neue Inflation einlösen kann.[3] Von besonderem Interesse ist der Verbleib des amerikanischen Morgan-Kredits in Höhe von einhundert Millionen Dollar.[2] Herriot verlangt Aufschluss darüber, welcher Restbetrag noch vorhanden ist und wie die bereits ausgegebenen Summen verwendet wurden.[3][2] Man will wissen, ob der größte Teil des Kredits bereits verkauft wurde, um fällige Schatzscheine zurückzuzahlen.[3] Erst wenn auf diese fundamentalen Fragen befriedigende Antworten vorliegen, will Herriot sein eigenes Sanierungsprogramm vorlegen.

Die politische Zusammensetzung des künftigen Kabinetts wird sich aus der Stellungnahme der Parteien zu diesem Finanzprogramm ergeben.[1] Dies gilt insbesondere für die Sozialisten, die ihre parlamentarische Unterstützung von Herriots Plänen abhängig machen.[1] Wie die *Washington Post* berichtet, haben die sozialistischen Führer bereits ihre Bedingungen für eine Neuauflage des Linkskartells (Cartel des Gauches) formuliert.[4] Sie fordern den vollständigen Ausschluss von Politikern des rechten Flügels und die Berücksichtigung ihres eigenen Finanzprogramms, das unter anderem eine Kapitalabgabe vorsieht.[4]

Eine sozialistische Abordnung unter Führung Léon Blums suchte Herriot am Nachmittag auf, um sich nach dessen Haltung zu ihren finanzpolitischen Grundsätzen zu erkundigen.[3] Dies erregte insofern Aufsehen, als die Sozialisten selbst nicht in das Kabinett eintreten wollen. Dennoch erwarten sie, dass ihre Prinzipien von der neuen Regierung umgesetzt werden.[3] Durch diese Festlegung sind konservativere Persönlichkeiten wie Raymond Poincaré oder Joseph Caillaux, deren Mitwirkung das Vertrauen der Finanzwelt hätte stärken können, vorläufig aus dem Spiel.[4]

Das sozialistische Blatt *Paris-Soir* zeigt sich nichtsdestoweniger zuversichtlich und erwartet die Bildung eines „Konzentrationskabinetts der Linken“, das von den Republikanischen Sozialisten bis zu den Linksrepublikanern reichen könnte.[2] Die Zeitung meint, die Absage der rechten Mitte werde die übrigen Republikaner nur umso fester an Herriot binden.[2] Sollte Herriots Programm jedoch von den sozialistischen Forderungen abweichen, wäre sein Kabinett nach Einschätzung des *Vorwärts* von vornherein „ein totgeborenes Kind“, da ihm die notwendige Mehrheit in der Kammer fehlen würde.[1] Neben den großen Parteien melden auch andere Gruppen ihre Interessen an. So erschien eine Abordnung von Kolonialabgeordneten, die einen Ministerposten für die Vertretung der überseeischen Gebiete forderte, um deren Beitrag zur Lebensmittelversorgung Frankreichs zu würdigen.[3]