In dem seit Wochen andauernden Konflikt um den Hannoverschen Hochschullehrer Professor Dr. Theodor Lessing ist eine Beilegung erzielt worden, die den Streit vorläufig beenden soll. Einer am Freitag veröffentlichten amtlichen Erklärung zufolge hat der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung einen Lösungsvorschlag angenommen, der ihm von einer Gruppe von Professoren unterbreitet worden war.[1] Auch Professor Lessing hat diesem Kompromiss zugestimmt.[1]

Die Vereinbarung bestimmt, dass Professor Lessing vom kommenden Wintersemester an anstelle seines bisherigen Lehrauftrages einen dauernden Forschungsauftrag erhält.[1] Seine Vorlesungen wird er noch bis zum Ende des laufenden Sommersemesters fortsetzen. Der Technischen Hochschule in Hannover bleibt er weiterhin als außerordentlicher Professor angehören.[1] Die Disziplinarverfahren gegen die an den Unruhen beteiligten Studenten sollen von Rektor und Senat der Hochschule ordnungsgemäß weitergeführt werden.[1]

Ob durch diese Regelung die Ruhe an der Hochschule wiederhergestellt ist, erscheint jedoch zweifelhaft. Nach einer Meldung des *Berliner Tageblatts* beabsichtigt die Studentenschaft, ihre Proteste fortzusetzen.[1] Für den kommenden Montag ist demnach ein Boykott angekündigt, bei dem Studierende der Vorlesung von Professor Lessing und der Hochschule fernbleiben wollen.[1]

Die Wiener *Neue Freie Presse* beleuchtet die tieferen Ursachen der Auseinandersetzung und bezeichnet die Vorgänge als eine „beispiellose Hetze“.[2] Auslöser waren laut dem Blatt ein Aufsatz Lessings im *Prager Tagblatt*, in dem er sich kritisch mit der Kandidatur Hindenburgs für das Amt des Reichspräsidenten auseinandergesetzt hatte, sowie ein abweichendes Urteil im Haarmann-Prozess.[2] Die Empörung der Hannoveraner Studenten sei nicht aus eigenem Antrieb entstanden, sondern von Emissären völkischer und deutschnationaler Parteien geschürt worden.[2] Ziel dieser Kreise sei es, die deutschen Universitäten von allen Professoren zu befreien, die demokratischer oder sozialistischer Gesinnung verdächtigt werden.[2]

Diese Einschätzung deckt sich mit Berichten, denen zufolge es sich bei den anhaltenden Störungen weniger um die Person Lessings, sondern vielmehr um ein planmäßiges Vorgehen gegen die Autorität des preußischen Staatsministeriums handelt.[1] Die Studierenden ließen sich, so äußert das *Hamburger Echo*, von politischen Drahtziehern für deren Zwecke missbrauchen.[1]