Chicago ist in diesen Tagen der Schauplatz einer religiösen Kundgebung von einem Ausmaß, wie es Amerika bislang nicht kannte.[1] Der 28. Eucharistische Weltkongress hat Pilger aus allen Teilen der Erde an die Ufer des Michigansees geführt. Im riesigen Soldiers Field spielen sich Szenen eines außerordentlichen Glaubenseifers ab.[1]

Den Höhepunkt der Eröffnungsfeierlichkeiten bildete die feierliche Pontifikalmesse, die der päpstliche Legat, Kardinal Giovanni Bonzano, vor mehr als 200.000 Gläubigen zelebrierte.[1] Trotz eines drohenden Himmels und fast sturmartigen Windes hatten sich die Massen in dem gewaltigen Stadion versammelt.[1] Ein Chor von 60.000 Schulkindern, gekleidet in den päpstlichen Farben Weiß und Gold, sang die Responsorien.[1] Die Predigt hielt Erzbischof Curley von Baltimore.[1] Nach Angaben der Polizei säumten insgesamt bis zu 350.000 Menschen das gesamte Areal um das Stadion.[1] Die Anwesenheit von elf Kardinälen aus Europa und Amerika krönte die Feierlichkeiten.[2]

Unmittelbar nach dem päpstlichen Segen kam es zu einem gewaltigen Andrang der Gläubigen.[1] Tausende strömten aus den Rängen auf das Feld und drängten zum großen Freialtar, um dort niederzuknien.[1] Die Menge füllte die hundert Fuß breite Treppe zum Altar so dicht, dass das vorgesehene Programm mit weiteren Ansprachen nicht fortgesetzt werden konnte.[1] Die Organisatoren sahen sich gezwungen, über Lautsprecher die Menge zum Verlassen des Feldes aufzufordern, da die hölzerne Altarbühne durch die Last der Menschen in Gefahr geriet.[1]

Der heutige Dienstag galt als Tag der Frauen und war geprägt von großer Hitze, die einen deutlichen Gegensatz zum stürmischen Wetter des Vortages bildete.[3] Erneut füllten rund 200.000 Menschen das Stadion. Im angrenzenden Grant Park versammelte sich eine noch größere Menge von schätzungsweise einer halben Million Menschen.[3] Den Gottesdienst leitete Kardinal O’Donnell von Boston.[3] Die große Hitze forderte jedoch ihren Tribut; wie die *Washington Times* berichtet, erlitten zahlreiche Besucher Schwächeanfälle. Allein zehn Nonnen fielen in Ohnmacht, als die Menge gegen die Tore drängte.[3]

Der Kongress ist ein internationales Ereignis. Dies zeigt sich nicht nur an den Delegationen, sondern auch an den Beiträgen aus aller Welt. Kardinal Bonzano feierte die Messe in einem Messgewand aus handgefertigter Seide, einem Geschenk katholischer Gläubiger aus Schanghai, das von der chinesischen Delegation überbracht wurde.[4] Unter den Teilnehmern befanden sich auch Eskimo-Delegierte in ihrer traditionellen Fellkleidung, die für Aufsehen sorgten.[3]

Bei der offiziellen Eröffnung des Kongresses in der Kathedrale wurde eine Botschaft von Papst Pius XI. verlesen. In dieser lobte der Papst den Geist der Stadt Chicago.[5][4] Kardinal Bonzano führte in seiner Ansprache aus, der Papst rufe zur „Rückkehr der getrennten Brüder zur römischen Kirche“ auf und werbe für die Einigung der gesamten Christenheit.[5] Der päpstliche Legat bezeichnete sich selbst als Freund des deutschen Volkes und der deutschen Katholiken.[5] Aus Österreich waren der frühere Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel, der betonte, nur als Pilger ohne politische Absicht gekommen zu sein, und Kardinal Friedrich Gustav Piffl anwesend.[5]

Die französische Delegation, angeführt von den Kardinälen Dubois aus Paris und Charost, hielt ebenfalls eine eigene Versammlung ab.[6] Dem *Figaro* zufolge erinnerte Kardinal Dubois an die historischen Bande, die Frankreich und die Vereinigten Staaten verbinden. Er dankte dem Erzbischof von Chicago, Kardinal Mundelein, für den herzlichen Empfang.[6]

Die logistische Leistung hinter diesen Massenveranstaltungen ist beachtlich. Nach Informationen der Pariser Zeitung *Le Temps* wurden am Sonntag in den 367 Kirchen des Erzbistums Chicago mehr als sechstausend Messen gefeiert.[7] Die Zeitung meldet weiter, dass rund eine Million Gläubige die Kommunion empfangen hätten, wie sie es dem Papst zuvor versprochen hatten.[7]