Die Lage in Südchina bleibt von einer tiefen Unruhe geprägt, die sich sowohl in den festgefahrenen Verhandlungen zur Beilegung des nunmehr über ein Jahr andauernden Streiks in Hongkong als auch in neuen militärischen Verwicklungen auf dem Festland äußert. Während man in der britischen Kronkolonie auf ein Signal aus Kanton zur Aufnahme offizieller Gespräche wartet, dehnt die dortige Nationalregierung ihren Einfluss durch Waffengewalt und neue Bündnisse weiter aus.

In Hongkong selbst herrscht ein abwartender Optimismus. Die Kantoner Regierung hatte ihre Bereitschaft zu Verhandlungen signalisiert.[1] Der amtierende Außenminister Kantons, Eugen Chen, entsandte bereits einen Vertreter zu Vorgesprächen mit dem britischen Generalkonsul.[1] Die Regierung von Hongkong hat ihrerseits ihre Delegation ernannt, bestehend aus dem Generalanwalt J. H. Kemp, dem Kolonialbeamten E. R. Hallifax sowie Generalkonsul Brenan selbst.[1] Dennoch ist die Delegation noch nicht nach Kanton abgereist, da eine formelle Antwort der Kantoner Regierung auf die Ernennung der Gesandten bislang aussteht.[2] Wie aus chinesischen Kreisen verlautet, endete eine Sitzung des Streikkomitees in Kanton nach hitziger Debatte ohne Ergebnis. Dies verdeutlicht die internen Widerstände gegen eine Einigung.[2]

Der seit über einem Jahr andauernde Boykott hat für die britische Kolonie verheerende wirtschaftliche Folgen. Dem Pariser *Temps* zufolge kostete der Streik die Wirtschaft Hongkongs bereits Ende 1925 täglich bis zu 250.000 Pfund Sterling.[3] Die Importe und Exporte hätten sich im Vergleich zum Vorjahr halbiert, und rund dreitausend Handelshäuser mussten Konkurs anmelden.[3] Anfänglich hatten die Streikenden eine Abfindung in Höhe von mehreren Millionen Dollar gefordert, was von den chinesischen Kaufleuten der Stadt mit einem nicht angenommenen Gegenangebot beantwortet wurde.[3] Angesichts dieser schweren Krise mahnt selbst die ehemals scharf nationalistische Presse der Kolonie zur Mäßigung.[3]

Unterdessen meldet die Kantoner Regierung bedeutende militärische Fortschritte. Nach Berichten, die über Paris nach Berlin gelangten, sollen ihre Truppen im Honan-Gebiet große Siege errungen haben, wobei der Fall der Stadt Tschangscha (Changsha) bevorstehe.[4] Darüber hinaus soll die Provinz Kweitschau Kanton ein Bündnis angeboten haben, was eine erhebliche Stärkung der Nationalregierung bedeuten würde.[4]

An der Grenze zwischen den Provinzen Kwangtung und Kiangsi ist es ebenfalls zu Kämpfen gekommen. Laut dem *Hong Kong Telegraph* wurde ein General namens Lai Sa-wong, der im Dienste des Militärgouverneurs von Kiangsi steht, der heimlichen Zusammenarbeit mit der Kantoner Revolutionsarmee überführt.[2] Ein Versuch, die Truppen von Lai Sa-wong zu entwaffnen, führte zu einem Gefecht. Danach musste sich Lai Sa-wong geschlagen an die Grenze zurückziehen.[2] In Kanton erwägt man offenbar, Lai Sa-wong mit Waffen und Munition zu versorgen. So könnte er sich gegen seinen bisherigen Befehlshaber wenden und damit den Weg für eine Invasion der Provinz Kiangsi ebnen.[2]