Auch am achten Tage der französischen Regierungskrise ist es Ministerpräsident Briand noch nicht gelungen, ein neues Kabinett zusammenzustellen.[1][2] Die Verhandlungen, die er beinahe ununterbrochen am Quai d’Orsay führt, haben sich als außerordentlich schwierig erwiesen. Sie sind bislang zu keinem abschließenden Ergebnis gelangt.[2] Im Mittelpunkt aller Bemühungen steht die Besetzung des Finanzministeriums. Diesen Posten möchte in der gegenwärtigen Lage des Franc offenbar niemand übernehmen.[1] Briand selbst erklärte, er wolle kein Provisorium schaffen, sondern eine Regierung, die über eine feste und dauerhafte Mehrheit in der Kammer verfüge.[3] Es gehe ihm darum, ein „stabiles Kabinett“ zu bilden, das das Vertrauen des Auslands gewinnen könne.[3] Eher wolle er auf die Bildung einer Regierung verzichten, als ein weiteres Ministerium zu präsentieren, das so „wankelmütig“ sei wie die vorhergehenden.[3]
Nachdem Briand am Dienstagabend Präsident Doumergue über den Stand seiner Bemühungen unterrichtet hatte, konzentrierten sich die Gespräche auf die Möglichkeit, ein Kabinett der Nationalen Union unter Einschluss von Poincaré und des bisherigen Senatspräsidenten Doumer zu bilden.[1][3] Längere Besprechungen fanden mit Poincaré und Doumer statt. Sie erörterten den Finanzplan zur Sanierung der Staatsfinanzen eingehend.[3] Die Agentur Havas meldete, dass bereits eine vorläufige Ministerliste zirkuliere: Briand als Ministerpräsident und Außenminister, Poincaré als Justizminister, Doumer als Finanzminister und Painlevé als Kriegsminister.[1] Doch gerade die finanzpolitischen Vorstellungen Doumers stießen auf erhebliche Bedenken. Seine Berufung erscheint daher zweifelhaft.[3]
Die Einbeziehung Poincarés stößt indes auf den entschiedenen Widerstand der Linken.[3] Die sozialistische Fraktion ließ Briand wissen, sie würde Poincaré als Finanzminister ausschließlich nach seinem Programm beurteilen.[3] Sollte er jedoch ein anderes Ressort übernehmen, so würde seine Anwesenheit dem Kabinett einen politischen Charakter verleihen, den die Sozialisten bekämpfen müssten.[3] Auch die radikalsozialistische Gruppe teilte mit, dass eine Regierung in der gegenwärtig erwogenen Zusammensetzung nicht mit ihrer Unterstützung rechnen könne.[3]
Als Alternative zu Doumer wurde Joseph Caillaux für das Finanzressort ins Gespräch gebracht.[3] Dem *Nieuwe Rotterdamsche Courant* zufolge hat Pierre Laval im Senat mit Caillaux Fühlung aufgenommen, um dessen Bereitschaft zu sondieren.[3] Caillaux hat jedoch wiederholt erklärt, er würde die Finanzen nur übernehmen, wenn ihm zugleich die Führung der Regierung übertragen würde.[3] Die *Badische Presse* berichtet zudem von weitreichenden Bedingungen, die Caillaux für seinen Eintritt stelle.[4] Er verlange nicht nur die Aufnahme von mindestens drei seiner politischen Freunde in das Kabinett, die eine Ausrichtung nach links bewirken sollen, sondern auch die Besetzung des Kriegs- und Innenministeriums mit „energischen“ Persönlichkeiten.[4] Caillaux ist überzeugt, dass seine Finanzreform zu Unruhen führen könne; im Falle solcher Unruhen benötige er die rückhaltlose Unterstützung der Sicherheitsorgane.[4] Briand zögert, diese Forderungen zu erfüllen, da er damit die tatsächliche Führung des Kabinetts an Caillaux abtreten würde.[4]
Angesichts dieser Schwierigkeiten werden in Paris weitere Möglichkeiten erwogen.[4] Eine davon sieht vor, dass Briand selbst das Finanzministerium übernimmt und sich mit Fachleuten als Unterstaatssekretären umgibt.[4] Genannt werden hier der Abgeordnete Pietri, der Bankier Sergent und Professor Rist von der Pariser Universität, der bereits an der Sanierung der österreichischen Finanzen mitgewirkt hat.[4] In einem solchen Fall müsste Briand jedoch das Außenministerium am Quai d’Orsay aufgeben; dieses könnte dann an Herriot oder Barthou fallen.[4] Eine weitere Option wäre die Berufung eines parteilosen Fachmanns. Auch hier wird der Name von Professor Rist genannt.[3] Die Verzögerungen bei der Kabinettbildung führen, wie die *Washington Post* meldet, in den Wandelgängen von Senat und Kammer bereits zu Unruhe, was dazu beiträgt, Briands Autorität weiter zu schwächen.[1] Die Verhandlungen wurden bis in die späten Abendstunden fortgesetzt.[3]