Die politische Lage in Polen nach dem Umsturz im Mai spitzt sich weiter zu und hat nun das Parlament mit voller Wucht erfasst.[1] Die gestrige Sitzung des Sejm war von schweren Erschütterungen gekennzeichnet, die im Rücktritt des Sejmmarschalls Maciej Rataj und in tumultuarischen Szenen gipfelten.[2][3] Die Ereignisse verdeutlichen die tiefen Gräben in der polnischen Politik und stellen die Funktionsfähigkeit des Parlamentarismus unter der neuen Regierung auf eine harte Probe.

Die Sitzung begann mit der Verlesung eines Schreibens von Sejmmarschall Rataj. In diesem reichte er sein Demissionsgesuch ein.[2] Als offizielle Begründung wurden — wie die Neue Freie Presse berichtet — Gesundheitsrücksichten und Angriffe der Rechtspresse angeführt.[3] Diese Angriffe betrafen vor allem seine vermittelnde Haltung während des Staatsstreiches, welche ihm von der Rechten verübelt wurde.[3] Sein Stellvertreter, der Sozialist Daszynski, ließ über das Rücktrittsgesuch abstimmen.[4] Unmittelbar vor der Abstimmung verließen jedoch die Abgeordneten der deutschen Minderheit, der Ukrainer und der Weißrussen den Saal.[2][3] Grund für diesen Schritt war, dass Rataj wenige Tage zuvor einen gegen die Deutschen gerichteten Aufruf des polnischen Westmarkenvereins unterzeichnet hatte.[2][4]

Bei der anschließenden Abstimmung sprachen sich nur die Nationale Arbeiterpartei, die Sozialisten und Ratajs eigene Piastenpartei für seinen Verbleib im Amt aus.[2][3] Obwohl der Vorsitzende Daszynski hierin eine Mehrheit zu erkennen glaubte, ließ Rataj einige Stunden später brieflich mitteilen, dass ihm diese Zustimmung nicht genüge und er auf seinem Rücktritt bestehe.[2][4] Aus Kreisen der Rechten verlautete, man hoffe nun auf einen neuen Sejmmarschall, der den Widerstand gegen die fortschreitende Entmachtung des Parlaments brechen werde.[3]

Nach dem Abgang Ratajs begann die Debatte über das Budget. Finanzminister Klarner leitete diese mit einer ernsten Erklärung ein.[2] Er machte unmissverständlich klar, dass die Regierung die Vertrauensfrage stelle und zurücktreten werde, sollte der Haushalt nicht bis Mitte des kommenden Monats angenommen sein.[2][4] Die Debatte fand jedoch ein jähes Ende, da auf Antrag der Rechtsparteien ein Beschluss zum Schluss der Aussprache angenommen wurde.[3] Dadurch konnten die Vertreter der Kommunisten, der unabhängigen Bauern sowie der nationalen Minderheiten nicht das Wort ergreifen.[2][3]

Daraufhin brachen im Saal Lärmszenen aus.[2][3] Die Sitzung musste unterbrochen werden, und der Vorsitzende ordnete die Entfernung zweier besonders heftig protestierender Abgeordneter der Bauernpartei an.[4] Nach Angaben der Sächsischen Staatszeitung wurden im Anschluss die Tribünen für das Publikum und die Presse geräumt. Erst dann trug die Sejmwache die beiden widerspenstigen Parlamentarier gewaltsam aus dem Sitzungssaal.[3][4] Die Moskauer Pravda sieht in diesen Vorgängen ein weiteres Anzeichen dafür, dass Polen die „Überreste demokratischer Illusionen“ abstreife und sich auf dem Weg in den Absolutismus befinde.[1]