Die ohnehin schwierige Frage der deutschen Minderheit in Südtirol hat in den letzten Tagen zu erneuten diplomatischen Verstimmungen zwischen Deutschland und Italien geführt. Anlass ist ein Aufruf mehrerer bayerischer Universitäten, darunter die Hochschulen von München und Würzburg. Diese haben sich an deutsche und ausländische Akademien gewandt.[1] In ihrem Appell protestieren sie gegen die von ihnen so bezeichneten „Methoden der Entnationalisierung“ durch die italienische Regierung im Alto Adige, wie Südtirol in Italien genannt wird.[1]
Die italienische Presse reagierte auf diese neue Kampagne mit entschiedener Schärfe.[1] Nunmehr hat sich auch der Präsident des italienischen Senats, Tommaso Tittoni, zu Wort gemeldet, um den in der bayerischen Polemik erhobenen Vorwürfen entgegenzutreten. Er veröffentlichte eine Erklärung, in der er Gerüchte über angebliche formelle Zusagen seinerseits in der Südtirolfrage entschieden zurückweist.[1]
Dem Pariser Le Temps zufolge hat Tittoni stets den Standpunkt vertreten, die Südtirolfrage sei eine ausschließlich innere Angelegenheit Italiens.[1] Sowohl die österreichische als auch die deutsche Regierung hätten diesen Status mit der Unterzeichnung der Friedensverträge anerkannt.[1] Aus diesem Grunde, so der Senatspräsident, könne es keinerlei bindende Verpflichtungen seinerseits gegenüber irgendjemandem geben. Es existierten auch keine derartigen Verpflichtungen.[1]
Allerdings räumte Tittoni ein, am 27. September 1919 vor dem italienischen Parlament Erklärungen zu diesem Thema abgegeben zu haben.[1] Diese Ausführungen hätten jedoch ausschließlich das römische Parlament betroffen. Bei diesem habe er damals um die Billigung seiner Politik nachgesucht.[1] Es habe sich um eine Darlegung seiner Gedanken gehandelt und nicht um eine völkerrechtlich bindende Zusage.[1]
Aus der Kölnischen Zeitung geht hervor, wie sehr die Sorge um den Brenner und das Alto Adige die Haltung des faschistischen Italiens gegenüber dem Nationalitätenprinzip im Allgemeinen beeinflusst.[2] Selbst faschistenfreundliche Blätter wie der Resto del Carlino erkennen an, dass man in Italien von jenem Nationalitätenprinzip, das das Land einst groß gemacht habe, nichts mehr wissen wolle.[2] Dies zeige, dass die Südtirolfrage weit über eine regionale Angelegenheit hinaus die Grundfesten der italienischen Außen- und Innenpolitik berührt.[2]