Nach einer langwierigen Krise, die das politische Frankreich in Atem hielt, ist es Aristide Briand gelungen, sein zehntes Kabinett zu bilden.[1] Die neue Regierung, die in den späten Abendstunden des Mittwochs der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist das Ergebnis des endgültigen Scheiterns der Verhandlungen mit Raymond Poincaré und Finanzminister Doumer.[1] An die Stelle einer breit angelegten nationalen Konzentration tritt nun eine Kombination, die von zwei Persönlichkeiten dominiert wird: dem Ministerpräsidenten Briand und seinem Finanzminister Joseph Caillaux. In den politischen Kreisen von Paris hat sich bereits die bissige Bemerkung verbreitet, man habe es mit einem Kabinett „Caillaux-Briand“ zu tun, nicht umgekehrt.[1]
Die Zusammensetzung der neuen Regierungsmannschaft verrät deutlich den Zweck, zu dem sie gebildet wurde. Wie die *Badische Presse* hervorhebt, handelt es sich weniger um eine politische als vielmehr um eine technische Kombination, die ausschließlich die Rettung der Währung und die Sanierung der Staatsfinanzen zum Ziel hat.[2] Briand hat eine bemerkenswerte Anzahl anerkannter Finanzfachleute um sich versammelt.[2] An der Spitze steht Joseph Caillaux, der nach langem Zögern das Finanzministerium übernommen hat.[3] Ihm zur Seite stehen als Unterstaatssekretäre der Abgeordnete Pietrie, der bereits 1911 Kabinettschef von Caillaux war, und der bekannte Pariser Bankier Duboint, der sich eingehend mit der deutschen Inflation befasst hat.[2] Mit Professor Nogaro als Unterrichtsminister, Verfasser eines Werkes über die deutschen Reparationszahlungen, und dem Abgeordneten Dutreil als Unterstaatssekretär für die befreiten Gebiete sind weitere Experten in das Kabinett eingetreten.[2]
Die Besetzung der übrigen Schlüsselpositionen unterstreicht den Charakter dieser Regierung. Briand selbst behält das Außenministerium.[4] Das Justizressort übernimmt Laval, das Innenministerium Senator Durand, während Leygues Marineminister bleibt.[5] Eine Entscheidung von besonderer Tragweite ist die Ernennung von General Guillaumat zum Kriegsminister.[5] Ursprünglich, so geht aus dem Pariser *Figaro* hervor, war General Targe für diesen Posten vorgesehen gewesen.[6] Caillaux selbst soll jedoch auf die Berufung Guillaumats bestanden haben, der als Mann mit radikalen Sympathien und großer Autorität gilt.[2][7]
In einem geschickten politischen Manöver wurde in letzter Minute auch die Besetzung des Unterstaatssekretariats im Kriegsministerium geändert.[2] Anstelle des bereits ernannten radikalsozialistischen Abgeordneten Jacquier wurde Oberst Picot berufen.[2] Diese Ernennung ist insofern bedeutsam, als Picot der Fraktion der demokratisch-republikanischen Linken angehört und damit das am weitesten rechts stehende Mitglied des Kabinetts ist.[1][2] Die Regierung erweitert sich somit über das Linkskartell hinaus, dem sie ansonsten mit neun radikalen und drei republikanisch-sozialistischen Ministern entstammt.[1]
Die Reaktionen der französischen Presse fallen gemischt aus und spiegeln die gespannte Erwartung wider. Während die Blätter der Rechten die neue Regierung überwiegend begrüßen und insbesondere Caillaux ihr Vertrauen aussprechen, verhält sich die Linkspresse zurückhaltend bis ablehnend.[2] Es wird vor allem bedauert, dass Paul Painlevé im Kabinett nicht mehr vertreten ist und auch keiner der engeren Freunde Herriots berücksichtigt wurde.[2] Der *Quotidien* äußert die Besorgnis, dass niemand die genauen Finanzpläne von Caillaux kenne, und erinnert daran, dass das Sachverständigenkomitee möglicherweise aufgelöst werden solle.[2] Das reaktionäre Blatt *Avenir* verweist ironisch auf das Fiasko der Goldanleihe unter Caillaux’ letzter Amtszeit als Finanzminister.[1]
Die entscheidende Frage wird sein, welche Mittel Caillaux zur Sanierung des Frankens zu ergreifen gedenkt. Dem *Figaro* zufolge hat er seine Zustimmung zur Regierungsbeteiligung von der Gewährung „erweiterter Befugnisse“ abhängig gemacht.[6] Briand hat bereits erklärt, er sei entschlossen, seinen Finanzminister energisch zu unterstützen.[2] Die Regierung wird vom Parlament außerordentliche Vollmachten verlangen, um umfassende Sparmaßnahmen durchzusetzen.[1][2] Gerüchten zufolge sollen diese Maßnahmen tief in das öffentliche Leben eingreifen; man spricht bereits von der Einführung von Brot-, Zucker- und Benzinkarten sowie der Schließung von Theatern und Nachtlokalen zu früher Stunde.[2]
Das neue Kabinett trat bereits am späten Mittwochabend zu einer ersten Sitzung zusammen und wurde anschließend Präsident Doumergue vorgestellt.[2] Eine Regierungserklärung vor der Kammer wird jedoch erst für den kommenden Dienstag erwartet.[1] Finanzminister Caillaux erklärte, er benötige mehrere Tage, um seinen Finanzplan auszuarbeiten.[1] Die kommenden Wochen werden zeigen, ob dieses „Kabinett der Experten“ das Vertrauen im In- und Ausland wiederherstellen und den drohenden Zusammenbruch der französischen Währung abwenden kann. Viele Beobachter befürchten, dass die Zusammenarbeit der beiden dominierenden Persönlichkeiten Briand und Caillaux zu ernsten Meinungsverschiedenheiten führen könnte.[1]