Wie erst jetzt aus Kanton durchsickernde Nachrichten bestätigen, ist auf den Oberbefehlshaber der kantonesischen Truppen, General Tschiang Kai-schek (Chiang Kai-shek), ein Attentat verübt worden.[1] Der Vorfall ereignete sich bereits am 16. Juni in der Militärakademie von Whampoa.[1]

Dem Hong Kong Telegraph zufolge feuerte ein Mann, bei dem es sich um einen Offizier einer kürzlich umgruppierten Division handeln soll, aus nächster Nähe drei Revolverschüsse auf den General ab.[1] Die Schüsse trafen ihr Ziel, doch Tschiang Kai-schek erlitt dabei keine lebensgefährlichen Verletzungen.[1] Eine der Kugeln drang in sein rechtes Ohr ein, woraufhin der General auf die Knie stürzte.[1] Der Attentäter wurde von Mitgliedern der Leibwache des Generals umgehend überwältigt und in einer Zelle des Forts unter schwere militärische Bewachung gestellt.[1]

Dieser Anschlag wirft ein grelles Licht auf die politischen Gärungen in Südchina, wo General Tschiang Kai-schek sich in den letzten Monaten zum unumschränkten Machthaber aufgeschwungen hat.[2] Nach Berichten der China Mail verfolgt der General einen Kurs, der ihn in scharfen Gegensatz zu den radikalen Kräften der Kuomintang und ihren russischen Beratern gebracht hat.[2] Er gilt weder als Kommunist noch als Anhänger des gemäßigten Parteiflügels, sondern allein als Verfechter seiner eigenen Macht.[2] Seine Haltung wird als ausgeprägte Eigenständigkeit beschrieben, die China den Chinesen erhalten will.[2]

Tschiang Kai-schek hat dem russischen Oberberater Borodin unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass er Russen ebenso wie alle anderen Ausländer betrachte und den Kommunismus für unvereinbar mit den chinesischen Traditionen halte.[2] In kantonesischen Kreisen wird seine Herrschaft bereits als Militärdiktatur bezeichnet, unter deren Führung der kommunistische Einfluss zurückgedrängt werden soll.[2] Es wird vermutet, dass der Täter aus den Reihen jener Kräfte stammt, die sich der zunehmend autokratischen Führung des Generals widersetzen.