Die britische Regierung hat am heutigen Tage ein lange angekündigtes Weißbuch veröffentlicht, das eine Sammlung von Schriftstücken enthält, die bereits im vergangenen Oktober im Hauptquartier der Kommunistischen Partei sichergestellt worden waren.[1] Die Publikation dient, wie aus Wien die *Neue Freie Presse* berichtet, der Vorbereitung für die morgen im Unterhaus stattfindende Debatte über die Beziehungen zu Sowjetrussland.[2]

Die Dokumente sollen vor allem belegen, dass die kommunistische Bewegung in England im Wesentlichen mit russischen Geldern finanziert wird.[2] In mehreren Briefen beklagen sich demnach englische Kommunisten bei ihren Moskauer Kontaktstellen darüber, dass eine intensive Tätigkeit nicht entfaltet werden könne, weil die Geldsendungen ausblieben oder zu gering ausfielen.[2] Diese Darstellung deckt sich mit den Vorwürfen, die konservative Abgeordnete erheben. Der Parlamentarier Oliver Locker-Lampson erklärte, die Kommunistische Partei in England wäre nicht nennenswert, würde sie nicht mit sowjetischen Zahlungsmitteln genährt.[3] Dem Pariser *Figaro* zufolge wird in den Instruktionen aus Moskau an die englischen Genossen sogar geraten, in ihren Berichten über den Erhalt russischer Subsidien besondere Diskretion walten zu lassen.[4]

Ein wesentlicher Teil der Papiere befasst sich mit den Anweisungen der Dritten Internationale zur Zersetzungsarbeit in Großbritannien. Demnach empfiehlt Moskau die Schaffung kommunistischer Keimzellen innerhalb der Dockarbeiter-, der Matrosen- sowie der Textilarbeitergewerkschaften.[2] Ziel sei es, diese als besonders national gesinnt geltenden Verbände zu spalten.[2] Der *Figaro* ergänzt, dass Moskau insbesondere die Organisation von Frauen in den Fabriken nahelege und die Einrichtung kommunistischer Schulungslager im ganzen Land anrate.[4] Mehrere Quellen bestätigen, dass ein Schriftstück auch die Unterbringung junger Kommunisten im Polizeikorps der Großstädte empfiehlt, um die Zuverlässigkeit des Korps zu untergraben.[1][2]

Die Veröffentlichung des Weißbuchs fällt in eine Zeit scharfer politischer Auseinandersetzungen. Die amtliche sowjetische Zeitung *Prawda* meldet, dass zwölf Abgeordnete des äußersten konservativen Flügels — die sogenannten unbeugsamen — eine Resolution eingebracht haben.[5] Darin verurteilen sie die „auf den Umsturz der bestehenden Ordnung gerichtete Tätigkeit sowjetischer Organisationen in England“ und fordern die Aufhebung des britisch-sowjetischen Handelsabkommens von 1921.[5]

Obgleich die Dokumente die engen Verbindungen zwischen der britischen Kommunistischen Partei und sowjetrussischen Stellen beweisen, wird ihr unmittelbarer politischer Wert in der Presse unterschiedlich eingeschätzt.[1] Nach einem Bericht der *Badischen Presse* enthält das Weißbuch nichts Außerordentliches.[1] Es bleibt fraglich, ob die Briefe als Beweis dafür ausreichen, dass sich die offizielle russische Handelsdelegation nicht an bestehende Verträge gehalten hat.[1]