Die seit Tagen in den politischen Kreisen der Hauptstadt kursierenden Gerüchte über einen bevorstehenden Wechsel an der Spitze der Bank von Frankreich haben sich heute bestätigt.[1] Das Finanzministerium gab in einer amtlichen Mitteilung bekannt, dass der Gouverneur der französischen Staatsbank, Georges Robineau, von seinem Posten zurücktritt. Seinen Platz übernimmt Émile Moreau, bisher Direktor der Bank von Algerien.[2][3] Dieser Schritt gilt als eine der ersten Amtshandlungen des neuen Finanzministers Joseph Caillaux und wird allgemein als entscheidender Sieg der Regierung im anhaltenden Konflikt um die Kontrolle über die französische Währungspolitik gewertet.[4]

Noch am Vormittag hatte Ministerpräsident Briand auf eine direkte Anfrage nach dem heutigen Ministerrat ausweichend geantwortet.[1] Er erklärte, es handele sich um eine ernste Angelegenheit, die aufmerksam geprüft werden müsse. Die Entscheidung liege in den Händen des Finanzministers.[1] Diese Äußerung wurde in parlamentarischen Zirkeln bereits als Bestätigung der Absichten von Caillaux gewertet.[1] Wenige Stunden später erfolgte die offizielle Verlautbarung und vollzog den Personalwechsel. Robineau hat laut einer Note des Finanzministeriums wiederholt den Wunsch geäußert, sich von seinen Aufgaben zurückzuziehen.[5] In Anerkennung seiner langjährigen Dienste wurde er zum Ehrengouverneur der Bank von Frankreich ernannt.[6]

Mit der Neubesetzung werden auch weitere Leitungsstellen im französischen Finanzwesen besetzt. Dem Pariser Blatt *Le Figaro* zufolge wird Émile Moreau, der neue Gouverneur, an der Spitze der Bank von Algerien durch den bisherigen Untergouverneur der Bank von Frankreich, Ernest-Picard, abgelöst.[5] Zum neuen zweiten Untergouverneur der Staatsbank wurde Professor Charles Rist berufen, ein bekannter Nationalökonom der Pariser Universität, der bereits im Sachverständigenkomitee eine führende Rolle spielte.[7][1] Diese Personalien hat die Regierung offenbar bereits seit einiger Zeit vorbereitet.[1]

Der Konflikt zwischen der Regierung und der Leitung der Notenbank hatte sich in den letzten Jahren zugespitzt. Georges Robineau galt als entschiedener Gegner einer inflationären Geldpolitik und als Wächter der Goldreserven der Bank.[4] Wie die *Washington Post* in Erinnerung ruft, war er bereits im Frühjahr 1925 mit der Regierung Herriot aneinandergeraten, als diese Vorschüsse verlangte, die über das vom Parlament genehmigte Maß hinausgingen.[4] Robineau fügte sich damals, um die Einlösung von Staatspapieren zu sichern, doch sein Widerstand gegen die Verwendung der Goldbestände zur Stützung des Franken blieb unerschütterlich.[4] Dem Bericht zufolge widersetzten sich Robineau und die Regenten der Bank noch kürzlich dem Drängen der Regierung Briand, einen Teil des Goldschatzes zur Stabilisierung der Währung einzusetzen.[4] Daher vermutet man, dass die Ernennung des als regierungsnah geltenden Professors Rist darauf abzielt, diesen Widerstand endgültig zu überwinden.[7]

Finanzminister Caillaux hatte bereits vor Monaten seine Auffassung klar dargelegt. Nach einem Bericht der *Deutschen Allgemeinen Zeitung* schrieb er seinerzeit in einer Denkschrift, es sei „kindisch, sich einzubilden, dass ein Volk aus seinen ungeheuren Schwierigkeiten ... herauskommen könne, ohne sein ganzes Finanzwesen auf eine Bank stützen zu können.“[1] Die Bank von Frankreich, so Caillaux, sei und bleibe eine Staatsbank, und es sei ein „Skandal“, dass sie sich weigern könne, das Schatzamt zu unterstützen.[1] Aus Pariser Finanzkreisen verlautet jedoch, dass Caillaux nicht wie sein Vorgänger Péret eine direkte Stützungsaktion mit den Goldreserven plant.[1] Vielmehr wird gemeldet, ein Konsortium französischer Privatbanken solle die Verwaltung der schwebenden Schuld übernehmen, während die Bank von Frankreich diesem Konsortium die nötigen Kredite gewährt.[1]

Die offizielle Darstellung eines freiwilligen Rücktritts Robineaus wird durch eine noch am Abend veröffentlichte Erklärung der Bank von Frankreich in Frage gestellt. Darin hieß es, der Gouverneur habe nicht demissioniert und auch nicht die Absicht, dies zu tun.[1] Über die Pläne der Regierung sei ihm nichts bekannt.[1] Dies weist auf einen tiefen Dissens hin, der bis zuletzt bestand. Die *Neue Freie Presse* berichtet, dass der Wechsel im engen Zusammenhang mit den Widerständen steht, auf welche bereits Caillaux' Vorgänger bei der Bank gestoßen waren.[6] Der neue Finanzminister, der wiederholt volle Handlungsfreiheit gefordert hat, scheint entschlossen, eine Gefährdung seiner Sanierungspläne von dieser Seite von vornherein zu verhindern.[6] Die neue Leitung unter Moreau, so betont eine offizielle Erklärung, werde jedoch die Unabhängigkeit der Bank als Emissionsbank aufrechterhalten. Deren Kredit müsse von dem des Staates getrennt bleiben.[2]