Die türkische Öffentlichkeit ist durch die Nachricht von einer weitreichenden Verschwörung gegen das Leben des Präsidenten der Republik, Mustafa Kemal Pascha, in erhebliche Unruhe versetzt worden. Wie die amtliche Agentur Anatolien zunächst nur knapp mitteilte, wurde der Anschlag unmittelbar vor der geplanten Ankunft des Präsidenten in Smyrna aufgedeckt.[1] Die nachfolgenden Meldungen über die Identität der Verhafteten lösten jedoch eine wahre Sensation aus. Es handelt sich bei den Beschuldigten ausnahmslos um bekannte Persönlichkeiten des politischen Lebens.[1]
In den vergangenen Tagen wurden etwa hundert Personen in Smyrna, Konstantinopel und Angora festgenommen.[2] Unter ihnen befinden sich zahlreiche frühere und jetzige Abgeordnete der Nationalversammlung, hohe Offiziere sowie ehemalige Minister.[1] Zu den prominentesten Verhafteten zählen der frühere Kammerpräsident Hüssein Avni Bey, der ehemalige Außenminister Bekir Sami Bey sowie der Abgeordnete Schükri Bey, dem eine führende Rolle in der Verschwörung zugeschrieben wird.[1][2] Dem Pariser Blatt Le Temps zufolge sollen auch sechs Generäle in das Komplott verwickelt sein. Einer von ihnen ist Kiazim Karabekir Pascha, der im Erfolgsfall die Präsidentschaft der Republik übernehmen sollte.[2] Als Finanzier der Verschwörung wird der frühere Finanzminister Djavid Bey beschuldigt.[2]
Der Plan der Attentäter war offenbar bis ins Einzelne vorbereitet. Nach Berichten aus Paris sollte der Anschlag mit Bomben und Revolvern ausgeführt werden.[2] Den Haupttätern, unter ihnen der ehemalige Abgeordnete Zia Hourchid, stand ein Automobil für die Flucht zur Küste bereit.[2] Von dort aus sollte ein Motorboot sie auf die griechische Insel Chios bringen.[2] Die Pläne wurden jedoch vereitelt, weil der Eigentümer des Bootes, ein Kreter, die Behörden verständigte und die Verschwörer verriet.[2]
Die türkischen Behörden vertreten den Standpunkt, dass sich der Angriff nicht allein gegen die Person des Präsidenten richtete. Vielmehr habe er auf den Sturz der gesamten republikanischen Ordnung abgezielt.[1] Die Unzufriedenheit mit den radikalen Reformen der kemalistischen Ära wird allgemein als tiefere Ursache der Verschwörung angesehen.[1] Ministerpräsident Ismet Pascha, der ebenso wie der Justizminister nach Smyrna gereist ist, erklärte gegenüber der Presse, der Vorfall beweise die Stärke der republikanischen Fundamente.[2] Er betonte, dass der Weg zur Macht nur über die Mehrheit im Parlament führe und das Volk keine ungesetzlichen Mittel mehr dulden werde.[2]
Die Moskauer Prawda berichtet indes, die Ermittlungen hätten ergeben, dass die Verschwörung von anglophilen Kreisen organisiert worden sei.[3] England habe, so die Zeitung, die Wiederherstellung des alten Regimes in der Türkei angestrebt.[3] Auch hätten die Verschwörer Unterstützung bei Italien gesucht.[3] Der Prozess gegen die Verhafteten soll in Kürze vor dem eigens zur Verteidigung des Regimes geschaffenen Unabhängigkeitsgerichtshof beginnen.[2] Als Verhandlungsort wurde ein Kino in Smyrna bestimmt.[2]