Die jüngste politische Entwicklung in der Tschechoslowakei, die nach der Annahme der Zollvorlage durch eine bürgerliche Mehrheit unter Einschluss der deutschen Parteien entstanden ist, hat die Nationalitätenfrage erneut in den Vordergrund gerückt.[1] In der politischen Öffentlichkeit wurde seither vielfach die Vermutung geäußert, den deutschen Parteien seien für ihre Unterstützung Gegenleistungen in Aussicht gestellt worden.[1] Gerüchte über die Besetzung leitender Ministerialstellen mit Vertretern der deutschen Minderheit wurden jedoch bald wieder bestritten.[1]
In diese angespannte Lage hinein hat sich nun Staatspräsident Masaryk in einem ausführlichen Interview zur Lage des Staates und insbesondere zur Minderheitenfrage geäußert.[1] Er wiederholte dabei seine bereits mehrfach dargelegte Auffassung, dass die Frage der deutschen Minderheit das wichtigste politische Problem des Landes sei. Deren Lösung obliege den Staatsmännern.[1] Eine Änderung der Lage könne sich jedoch erst aus einer aktiven Mitarbeit der Deutschen im Staate ergeben.[2] Der Präsident formulierte unmissverständlich die Bedingung für eine Gleichstellung: „Sobald die Deutschen unseren Staat nicht mehr negieren und zwecks Mitarbeit eine Regierungspartei werden, werden sich automatisch all jene Konsequenzen einstellen, die für die übrigen Regierungsparteien gelten.“[1] Dies sei, so Masaryk, keine Frage besonderer Deutschenfreundlichkeit. Vielmehr erfordere es politischen Verstand und Umsicht.[1]
Zugleich wies der Präsident Spekulationen über eine Änderung der Verfassung oder gar diktatorische Tendenzen scharf zurück.[1] Die Republik bedürfe nach dem Umsturz vor allem der Ruhe zur Arbeit. Jedes unbesonnene Vorhaben würde die Währung empfindlich schädigen.[1] Er verstehe nicht, wie bürgerliche Kreise leichtsinnig mit diesem Feuer spielen könnten.[1]
Die Äußerungen des Präsidenten finden in der tschechischen und deutschen Presse ein geteiltes Echo. Während das Blatt der Legionäre im Verhalten der Deutschen bereits ein Bekenntnis zum Staate erkennen will, verharren nationalistische Kreise auf ihrem alten Standpunkt.[2] Dem *Berliner Tageblatt* geht aus den Prager Stimmen hervor, dass insbesondere der Nationaldemokrat Dr. Kramarz eine andere Haltung einnimmt.[3] In den *Narodni Listy* bekräftigte er die Notwendigkeit einer allnationalen Koalition. In einer solchen Koalition sei jedoch nur Platz für jene, die den nationalen Charakter des Staates uneingeschränkt anerkennen.[3] Die jüngste Zusammenarbeit mit den Deutschen habe die Idee des tschechischen Nationalstaates nicht im Geringsten berührt.[2]
Aus den Reihen der tschechischen Sozialdemokratie werden unterdessen ernste Bedenken laut. Laut dem *Vorwärts* vertritt der Abgeordnete Stivin im Parteiorgan *Pravo Lidu* die Ansicht, dass eine gefestigte tschechisch-deutsche Mehrheit notwendig zu Forderungen der Deutschen führen müsse.[1] Nationale Zugeständnisse könne der tschechische Teil einer solchen Koalition kaum machen, finanzielle wären nur schwer zulasten der Staatskasse zu gewähren.[1] Die Debatte verdeutlicht, dass die Lösung des deutsch-tschechischen Verhältnisses weiterhin offen ist, ungeachtet der Worte des Präsidenten.[2]