Bei Beginn der neunten Woche des großen britischen Kohlenstreiks ist das Unterhaus zum Schauplatz einer Auseinandersetzung von grundlegender Bedeutung für die Zukunft der englischen Industrie geworden.[1] Die Regierung legte dem Parlament am Montag den Gesetzentwurf über den achtstündigen Arbeitstag im Kohlenbergbau zur zweiten Lesung vor — eine Maßnahme, die den Konflikt entscheiden soll, ihn aber vorerst zu verschärfen droht.[1][2]
Der Arbeitsminister, Sir Arthur Steel-Maitland, begründete die Vorlage in einer längeren Rede. Diese wurde von den Bänken der Arbeiterpartei wiederholt mit ironischen Rufen und Gelächter unterbrochen.[1][2] Er führte aus, dass eine Verlängerung der Arbeitszeit einer Lohnermäßigung vorzuziehen sei.[1] Die Regierung habe sich von der Erwägung leiten lassen, das zu tun, was für das Land, die Industrie und nicht zuletzt für die Bergleute selbst am besten sei.[2] Nach Angaben der *Neuen Freien Presse* soll die Verlängerung der Arbeitszeit von sieben auf acht Stunden zunächst für fünf Jahre gelten und durch freiwillige Vereinbarungen zwischen Grubenbesitzern und Bergarbeitern ermöglicht werden.[3] Steel-Maitland betonte, es handle sich um ein reines Ausnahmegesetz für den Bergbau und keineswegs um den ersten Schritt zu einer allgemeinen Verlängerung der Arbeitszeit.[3] Für die Krise auf dem Weltmarkt machte der Minister vor allem das Erstarken des deutschen Wettbewerbs seit dem Ende des Ruhrkampfes verantwortlich. Diese Feststellung wurde in deutschen Bergarbeiterkreisen mit erheblicher Besorgnis über mögliche Rückwirkungen auf dem Kontinent aufgenommen.[1]
Die Arbeiterpartei leistet dem Vorhaben der Regierung erbitterten Widerstand.[2] Ihr Abgeordneter Walsh beantragte die Ablehnung der Vorlage und warf der Regierung vor, ihre frühere Zusage gebrochen zu haben, sich an den Bericht der königlichen Kohlenkommission zu halten.[2] Nach dem Antrag der Labour-Partei unterstütze die Regierung mit dem Gesetz einseitig die Forderungen der Arbeitgeber. Das werde die Schwierigkeiten im Bergbau nur vermehren und den gegenwärtigen Konflikt weiter verschärfen und verlängern.[3] Auch von liberaler Seite wurde Kritik geübt. Sir John Simon wies darauf hin, dass die Bergleute selbst eher einer Lohnverminderung als einer Verlängerung der Arbeitszeit zustimmen wollten.[2] Es sei daher nur natürlich, wenn sie eine Maßnahme, die den Wünschen der Zechenbesitzer entspreche, mit offenem Misstrauen betrachteten.[2]
Unterdessen haben die Unternehmer ihre Pläne für eine Wiederaufnahme der Arbeit fertiggestellt.[1] Demnach sollen die Kohlengruben in drei Gruppen eingeteilt werden. Im Kohlendistrikt von Südwales und einigen anderen Bezirken sollen bei achtstündiger Arbeitszeit bis Ende September die gleichen Löhne wie vor dem Streik gezahlt werden.[1] In Lancashire ist eine Lohnverminderung von vier Prozent vorgesehen, während in Northumberland und Durham die schärfsten Lohnkürzungen von fünf bis sechs Prozent eintreten sollen.[1] Die Grubenbesitzer hoffen, dass auf Grundlage dieser Vorschläge in etwa vierzehn Tagen ein Viertel aller Bergarbeiter an den Arbeitsplatz zurückgekehrt sein werde.[1] Diese Hoffnung scheint jedoch verfrüht, denn die Einigkeit unter den Arbeitern ist ungebrochen. Aus der *Prawda* geht hervor, dass beispielsweise die Bergleute von Cumberland ein Angebot der Grubenbesitzer zur Gewinnbeteiligung mit dem Hinweis zurückwiesen, solche Fragen könnten erst nach Abschluss eines allgemeingültigen nationalen Abkommens erörtert werden.[4]
Die Haltung der Bergarbeiterführer bleibt unnachgiebig. Ihr Sekretär Cook drohte damit, die Notstandsarbeiter aus den Gruben zurückzuziehen, die für die Instandhaltung der Schächte sorgen, und so die Bergwerke dem Absaufen preiszugeben.[1][2] Diese Ankündigung rief umgehend den Protest der Notstandsarbeiter selbst hervor. Sie sind in einer eigenen Gewerkschaft organisiert und erklärten, Cook habe in dieser Frage keinerlei Entscheidungsbefugnis.[1] Für den Fall einer Durchführung dieser Drohung beabsichtigt die Regierung, Marinemannschaften in die Gruben zu entsenden.[1]
Der Konflikt wird zusätzlich durch die Frage der ausländischen Unterstützung für die Streikenden belastet. Wie die *Sächsische Staatszeitung* berichtet, äußerte sich der Innenminister zu den 400.000 Pfund, die aus Sowjetrussland an die Streikenden gesandt worden seien.[2] Er bezweifle, dass dieses Geld von den russischen Gewerkschaften stamme, und bezeichnete das Verhalten Moskaus als „im höchsten Grade unfreundlich“.[2] Vorerst sehe die Regierung aber davon ab, die russischen Vertreter des Landes zu verweisen.[2]
Der Ausfall der britischen Kohleförderung hat inzwischen die Marke von 40 Millionen Tonnen überschritten.[1] Um den Bedarf zu decken, mussten zwischen dem 1. Mai und dem 24. Juni bereits 585.000 Tonnen Kohle eingeführt werden.[1] Den größten Anteil daran hatte Deutschland mit 221.000 Tonnen, gefolgt von Belgien mit 151.000 Tonnen und den Vereinigten Staaten mit 81.000 Tonnen.[1]