Reichsaußenminister Dr. Stresemann hat am gestrigen Montag erneut mit großem Nachdruck die Grundlinien seiner auf Ausgleich und Verständigung gerichteten Außenpolitik dargelegt. Anlass bot ein Festessen im Hotel Adlon, mit dem der Verein der ausländischen Presse in Berlin sein zwanzigjähriges Bestehen feierte.[1] Zahlreiche Mitglieder der Reichsregierung, des diplomatischen Korps sowie führende Persönlichkeiten aus Politik und Kultur waren der Einladung gefolgt.[1]

In seiner viel beachteten Ansprache bekannte sich der Minister unzweideutig zu den Verträgen von Locarno als der unumgänglichen Basis für die künftige Außenpolitik.[1] Der Weg dorthin sei für Deutschland unendlich schwer und dornenreich gewesen und werde es auch bleiben.[1] Ein Volk, das geistig so viel verarbeiten müsse wie das deutsche, könne den Weg zur internationalen Annäherung nur unter größeren Schwierigkeiten beschreiten als andere Nationen.[1] Dennoch — allen Widerständen zum Trotz — werde sich die große, bewegende Idee, die mit dem Namen Locarno verbunden sei, am Ende durchsetzen.[1]

Mit eindringlichen Worten, die von der *Sächsischen Staatszeitung* als Beispiel seiner ihm eigenen „plastischen Redekunst“ gewürdigt werden, zog Stresemann das Fazit aus der jüngsten europäischen Geschichte.[2] Die Lehre, die sich der Menschheit heute empfehle, sei, „dass das Gesamtresümee des Weltkrieges ein Elend und ein Unglück für alle gewesen ist, die an ihm teilgenommen haben“.[1][2] Daraus folgerte der Minister mit einem viel zitierten Satz: „Ich sehe nicht mehr Sieger und Besiegte, sondern nur noch Völker, die miteinander ringen und sich bemühen, aus dem Chaos zur Vernunft zurückzufinden.“[1]

Diese Haltung wird in Teilen der deutschen Presse als notwendiger Ausdruck eines politischen Optimismus gewertet, ohne den das Werk von Locarno niemals zustande gekommen wäre.[2] Zwar, so führt etwa die *Sächsische Staatszeitung* aus, seien manche Versprechungen der anderen Seite unerfüllt geblieben, was zu berechtigtem Misstrauen führen musste. Doch mit der Geste der „starken Faust“, hinter der keine Macht mehr stehe, lasse sich die politische Landschaft Europas nicht mehr gestalten.[2]

Im Ausland, insbesondere in Frankreich, werden die Ausführungen des Ministers mit einer Mischung aus Zustimmung und Besorgnis aufgenommen. Der Pariser *Temps* zollt Stresemann Beifall, wenn er erklärt, dass die Zukunft Europas nur auf der Idee des Friedens und der Zusammenarbeit der Völker gegründet werden könne.[3] Dies sei die Sprache eines Staatsmannes von liberalem und großzügigem Geist.[3] Gleichzeitig jedoch warnt das Blatt nachdrücklich davor, die von Stresemann verwendete Formel von Siegern und Besiegten misszuverstehen.[3] Man verstehe den Wunsch des deutschen Ministers, die Spuren der Niederlage zu verwischen, doch dürfe dies nicht dazu führen, die Verantwortlichkeiten für den Ausbruch des Krieges zu leugnen.[3]

Dem *Temps* zufolge würde eine solche Auslegung der Gerechtigkeit und damit der Idee des Friedens mehr schaden als nutzen.[3] Frankreich könne nicht vergessen, dass es angegriffen wurde und aus dem ihm aufgezwungenen Kampf als Sieger hervorging — eine Tatsache, die im Vertrag von Versailles festgeschrieben sei.[3] Die Politik von Locarno, so die Schlussfolgerung des französischen Blattes, müsse den Friedensvertrag unangetastet lassen, da dieser das Recht schuf, auf dem sich das Werk internationaler Solidarität erst entwickeln könne.[3]