Ein sechsfacher Mord, der zunächst einer jungen Frau zugeschrieben wurde, die angeblich ihre Schwiegermutter und mehrere Kinder tötete, hat die Öffentlichkeit in Japan jäh auf die Schattenseiten des althergebrachten Familiensystems aufmerksam gemacht.[1] Dieses auf Ahnenverehrung und feudalen Strukturen beruhende System besitzt für den größten Teil der Bevölkerung noch immer bindende Kraft. Jedoch gerät es zunehmend in Widerspruch zu den Anforderungen des modernen Lebens.[1] Einerseits trägt es zur Stabilität des Staatswesens bei, andererseits legt es der freien Entwicklung des Einzelnen schwerwiegende Fesseln an.[1]
Im Mittelpunkt des japanischen Rechts steht die Familie als übergeordnete Einheit, vertreten durch das Familienoberhaupt.[1] Die Ehe spielt eine untergeordnete Rolle; ihre Schließung bedarf bei Männern bis zum 30. und bei Frauen bis zum 25. Lebensjahr der Zustimmung des Familienvorstands.[1] Wie aus einem Bericht der Badischen Presse hervorgeht, führt die umfassende Macht der Familie dazu, dass die meisten Ehen von den Eltern arrangiert werden, oft ohne dass sich die Brautleute zuvor begegnet sind.[1] Für die junge Frau bedeutet die Heirat meistens, dass sie in die Familie des Mannes eintritt und im Hause der Schwiegereltern leben muss.[1] Dort, so heißt es, nimmt sie die Stellung eines „bevorzugten Dienstmädchens“ ein, das in erster Linie der Schwiegermutter dient.[1]
Ein eigener Haushalt bleibt den meisten jungen Paaren versagt.[1] Selbst die akademische Jugend kann sich dies kaum leisten, da die Anfangsgehälter, bedingt durch das große Angebot an Arbeitskräften, äußerst gering sind und oft nur zwischen 60 und 75 Yen im Monat liegen.[1] Diese Umstände zwingen die Eheleute dazu, ihr Leben im elterlichen Hause zu verbringen, was die Entwicklung einer echten ehelichen Gemeinschaft erschwert.[1] Für die Frau bedeutet dies, dass sie mit der Heirat die gesamte Familie des Mannes in ihren Verantwortungsbereich aufnimmt; dies gilt als der empfindlichste Schwachpunkt des Systems.[1]
Die Folgen dieser Zustände sind vielfach tragisch.[1] Unglückliche Ehen und die passive Resistenz modern gebildeter Japanerinnen sind häufig.[1] Nicht selten führt die Ausweglosigkeit zu Verzweiflungstaten. So berichtet die Presse von einer Musiklehrerin, die Selbstmord beging, weil der Familienrat ihres Geliebten die Heirat verweigerte.[1] Besonders an diesem Fall war, dass eine ihrer erst 17-jährigen Schülerinnen aus Protest gegen die Allmacht der Familienordnung mit ihr gemeinsam den Tod suchte.[1] Solche Doppelselbstmorde unglücklich Verliebter, „shinchu“ genannt, sind in Japan keine Seltenheit — sie sind ein düsteres Zeugnis für den Konflikt zwischen persönlichem Glück und den starren Konventionen einer alten Gesellschaftsordnung.[1]