Der italienische Ministerpräsident Mussolini wird am 5. Juli zu einem Besuch in Bozen erwartet, der Hauptstadt der Provinz, die in Rom nun Alto Adige genannt wird.[1] Obwohl die Frage Südtirols nach der jüngsten Erklärung des Innenministers Federzoni für Italien offiziell nicht besteht, beschäftigt sie die faschistische Regierung offenbar weiterhin erheblich.[1] Die Besetzung des Brenners, die Italien nach den Worten Federzonis ein Gefühl der Sicherheit geben sollte, erweist sich in der politischen Wirklichkeit zunehmend als Element der Beunruhigung.[1]

Bezeichnend für die angespannte Stimmung ist ein Leitartikel im Mailänder Blatt Secolo, der von dem Mussolini nahestehenden Publizisten Rastignac verfasst wurde.[1] Darin wird beklagt, dass Italien mit dem Vertrag von Locarno zwar die Bürgschaft für die Rheingrenze übernommen habe, jedoch keine entsprechende Zusicherung für die Brennergrenze erhielt.[1] Dem Artikel zufolge habe Deutschland kurz nach Abschluss des Vertragswerks einen eigentlichen Feldzug gegen Italien begonnen. Dieser werde mit allen Mitteln eines Kriegszustandes in Friedenszeiten geführt — in der Presse, auf den Märkten und an den Universitäten.[1] Es wird berichtet, man habe einen Boykott gegen alles Italienische angesagt.[1]

Rastignac stellt die Frage, ob an der Seite Italiens in Genf ein Staat sitzen könne, mit dem man wegen einer Grenzfrage in offenem Konflikt steht.[1] Die Ausführungen münden in eine kaum verhüllte Drohung an die Westmächte.[1] Sollte Italien keine Verpflichtungen bezüglich der Brennergrenze erhalten, so könnte es seine Haltung zum Vertrag von Locarno und zur Zulassung Deutschlands zum Völkerbund überdenken.[1] Der Verfasser bezweifelt, dass Frankreich und England gewillt seien, für Italien den Brenner zu verteidigen, wie Italien für sie den Rhein verteidige.[1]

Diese Argumentation wird hier in Rom als unbeabsichtigtes Eingeständnis gewertet, dass sich Italien mit der Einverleibung Südtirols international in eine Sackgasse manövriert hat.[1] Die ständige Fixierung auf den Brenner macht das Land nach dieser Lesart unfähig zu einer umfassenden Mittelmeerpolitik. Italien müsse seine beiden Rivalen — Frankreich und England — vergeblich um Bürgschaften bitten.[1] Es wirkt ironisch, dass gerade die nationalfaschistische Politik, die mit einem großangelegten Expansionsprogramm angetreten war, nun durch die Verhältnisse am Brenner zu einer Politik des „Friedens zu Hause“ gezwungen scheint.[1]