Der erste Berliner Feriensonntag des Jahres hat mit einer schweren Katastrophe geendet. Bei Woltersdorf an der Woltersdorfer Schleuse, einem der beliebtesten Ausflugsziele der Berliner Bevölkerung, stürzte gestern Nachmittag während eines verheerenden Unwetters die Rückwand der überdachten Kegelbahn des Hotels Kranichsberg ein und begrub mehr als hundert schutzsuchende Ausflügler unter ihren Trümmern. Dreizehn Menschen fanden den Tod, zwanzig erlitten schwere Verletzungen, und über fünfzig trugen leichtere Wunden davon.[1]
Das Wetter hatte sich in den Morgenstunden noch freundlich gezeigt. Hunderttausende Berliner nutzten den ersten Feriensonntag und zogen in die märkischen Wälder und an die Seen der näheren Umgebung. Doch am Nachmittag ballten sich über dem Osten und Südosten der Stadt schwarze Wolken zusammen, die sich gegen halb fünf Uhr mit unerhörter Gewalt über der Gegend Woltersdorf-Erkner entluden.[1][2] Ein heftiges Gewitter mit Hagelschlag peitschte die Landschaft; gewaltige Wassermengen stürzten vom Kranichsberg ins Tal und überfluteten Obstgärten, Straßen und Ausflugslokale.[1]
Die vielen Ausflügler — zumeist Familien aus den östlichen Berliner Stadtteilen — flüchteten aus den Wäldern in die umliegenden Restaurants, die in kurzer Zeit sämtlich überfüllt waren.[1][3] Etwa 200 Personen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, drängten sich in die überdachte Kegelbahn des Hotels Kranichsberg, die unmittelbar am Fuß des gleichnamigen Berges liegt und eine Länge von rund 60 Metern aufweist.[1] Man richtete sich auf herbeigeschleppten Tischen und Stühlen ein, um das Ende des Platzregens abzuwarten.[3]
Die Anlage war durch eine etwa drei Meter hohe und sechzig Zentimeter starke Mauer gegen den Berghang geschützt; hinter dieser Mauer hatte ein kleines Rinnsal, das die Hangwasser aufnahm, im Laufe der Zeit eine schmale Schlucht ausgewaschen.[3] Als nun vom Kranichsberg gewaltige Wassermassen ins Tal stürzten und ihren Weg durch eben diese Schlucht nahmen, wurde das Erdreich hinter der Mauer vollständig aufgewühlt und das Fundament der Kegelbahn unterspült.[3] Das Dach der Bahn war zudem von Balken und Brettern getragen, die nach Augenzeugenberichten durchweg morsch und verrottet waren, sodass die morschen Balken der einstürzenden Steinmauer keinen Widerstand zu leisten vermochten.[1]
Über die eigentliche Einsturzursache gehen die Zeugenaussagen noch auseinander. Dem Vorwärts zufolge ist es fraglich, ob an dem Trümmerhaufen noch genaue Feststellungen getroffen werden können: Entweder habe das aufgeweichte Erdreich durch sein enormes Gewicht die Mauer zum Einsturz gebracht, oder aber ein Blitzeinschlag unmittelbar hinter der Kegelbahn habe eine solche Erschütterung und einen so starken Luftdruck erzeugt, dass die ohnehin schon unter Wasserdruck stehende Mauer ins Wanken geraten sei.[3] Die China Mail berichtet, dass das Dach durch einen Blitzschlag getroffen worden sei und unter den Schutzsuchenden eine wilde Panik ausgebrochen sei.[4] Das Berliner Tageblatt schildert, wie Erdmassen, die durch die Feuchtigkeit erheblich an Gewicht gewonnen hatten, die Mauer mit lautem Krachen zum Einsturz brachten — mitsamt der hölzernen Verkleidung.[1]
Was danach folgte, beschreibt das Berliner Tageblatt als einen entsetzlichen Anblick: Mehrere Verschüttete seien bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt gewesen. Minutenlang habe der grauenvolle Anblick jede Hilfeleistung gelähmt.[1] Dann aber sprangen beherzte Männer hinzu, die trotz des noch immer tobenden Unwetters mit den Bergungsarbeiten begannen. Besondere Erwähnung verdient der Rote Frontkämpferbund, der in jener Gegend seine Jahresfeier abhielt und sofort herbeieilte, um viele Verletzte aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien.[1][2] Über eine Stunde dauerte das Rettungswerk, bis der letzte Verschüttete geborgen war.[1]
Der Amtsvorsteher von Erkner alarmierte umgehend die Freiwilligen Feuerwehren von Woltersdorf und Erkner sowie die Sanitätskolonnen; im weiteren Verlauf wurde auch Hilfe von der Berliner Schutzpolizei angefordert.[2][3] Das Rettungsamt der Stadt Berlin entsandte sechs Krankenautomobile mit Ärzten und Verbandsmaterial; hinzu kamen Ärzte der Umgegend, die durch den Rundfunk herbeigerufen wurden.[1] Die Verletzten wurden zunächst in den Saal des Gartenlokals gebracht, wo die erste Versorgung stattfand.[1]
Der Abtransport gestaltete sich außerordentlich schwierig. Am Bahnhof in Erkner standen die Straßen unter Wasser; eine Zufahrtsstraße am Kranichsberg war in einer Länge von 150 Metern und einer Breite von drei Metern bis zu zwei Meter tief aufgerissen worden.[1] Der Weg zum nahe gelegenen Kreiskrankenhaus in Kalkberge war von den Wassermassen derart unterspült, dass er für Fahrzeuge nicht passierbar war.[1][3] Teils auf Dampfern, teils auf anderen Fahrzeugen mussten die Schwerverletzten schließlich in die Krankenhäuser von Köpenick und Berlin überführt werden.[2][3]
Das Unwetter richtete auch im weiteren Umland schwere Schäden an. Die Washington Post berichtet, dass Hoppegarten, der bekannte Pferderennplatz östlich von Berlin, vollständig überflutet wurde und der Rennbetrieb abgebrochen werden musste; Blitz schlug in einen Stall ein und gefährdete wertvolle Vollblüter.[5] Nach Angaben des Hamburger Echo ist der Müggelseepegel bei Rahnsdorf am Abend um zwanzig Zentimeter gestiegen und der See über seine Ufer getreten.[2] Das gesamte Gebiet zwischen Oberschöneweide und Erkner war von dem Wolkenbruch heimgesucht worden.[2]
Das Harburger Tageblatt vermerkt, dass Bewohner der betroffenen Ortschaften in der Katastrophe eine schlimmere Verwüstung sehen als in einem vergleichbaren Unglück des Jahres 1897, und führt dies auf die ungeheure Schnelligkeit zurück, mit der die Wassermassen hereingebrochen seien.[6] Die dreizehn Leichen wurden in die Friedhofshalle von Woltersdorf überführt; die Zahl der Schwerverletzten, die in den Berliner und Köpenicker Krankenhäusern liegen, gibt das Berliner Tageblatt mit zwanzig an.[1]