Das britische Oberhaus hat die zweite Lesung des Achtstundengesetzes für die Kohlenbergwerke mit 176 gegen 17 Stimmen angenommen.[1][2] Das Gesetz, das die tägliche Arbeitszeit der Bergleute von sieben auf acht Stunden ausdehnt und als befristete Maßnahme zur Beilegung des seit Monaten andauernden Arbeitskampfes gedacht ist, soll nach Auskunft des Marquis von Salisbury an diesem Donnerstag in dritter Lesung beraten werden — sofern nicht unvorhergesehene Ereignisse eine andere Vorgehensweise erfordern.[3][1]

Dramatische Unterbrechung im Oberhaus

Die Sitzung nahm einen unerwarteten Verlauf, als Lord Cecil im Namen der Regierung erklärte, man verzichte darauf, das Gesetz bereits heute in dritter Lesung zu verabschieden.[4] Lord Salisbury begründete diesen Schritt mit der tiefen Enttäuschung des Kabinetts über jene Lohnangebote, die Grubenbesitzer in einem Teil des Landes den Bergleuten unterbreitet hätten.[1] Er betonte, die Regierung fühle sich gegenüber den Bergleuten ebenso wie gegenüber den Grubenbesitzern in besonderer Pflicht.[3] Premierminister Baldwin habe von Beginn an erklärt, er könne das Gesetz nur unterstützen, wenn die faire Behandlung der Arbeiter gesichert sei. Solange dies nicht gewährleistet werde, solle die Abstimmung aufgeschoben bleiben.[1][4]

Der Fall Yorkshire

Aus der Erklärung der Regierung geht hervor, dass sich die Kritik des Kabinetts in erster Linie gegen Yorkshire richtet, ohne dass ein bestimmter Bezirk ausdrücklich genannt wurde.[4] Dort wollen die Unternehmer nicht nur nach Ablauf von drei Monaten erhebliche Lohnkürzungen vornehmen, sondern haben eigenmächtig das Grundverhältnis, nach dem Löhne und Unternehmensgewinne berechnet werden, zugunsten der Kapitalseite verschoben.[4] Bisher entfielen 87 Prozent der Einnahmen auf Löhne und 13 Prozent auf Unternehmergewinne; Yorkshire hat dieses Verhältnis auf 85 zu 15 Prozent abgeändert, ohne dass Baldwin diesem Schritt jemals zugestimmt hätte.[4] Die Deutsche Allgemeine Zeitung hebt hervor, dass Baldwin über das Vorgehen der Yorkshire-Unternehmer besonders empört sei, da diese die bisherigen Löhne ohnehin nur bis September zu garantieren gedenken.[4]

Lohnbedingungen nach Bezirken

In anderen Bergbauregionen stellt sich die Lage vielschichtiger dar. Die China Mail berichtet, dass Gruben in Nottinghamshire, Derbyshire und North Staffordshire, die zusammen 134.000 Bergleute beschäftigen, für die achtstündige Schicht keinerlei Lohnkürzung vorsehen.[3] In einem weiteren Gebiet, das Warwickshire, Yorkshire und Südwales umfasst und rund 649.000 Bergleute einschließt, haben die Grubenbesitzer ebenfalls angekündigt, keine Kürzungen vorzunehmen.[3] Laut dem Pariser Le Temps sind in Warwickshire und Yorkshire die neuen Lohntabellen bereits ausgehangen; sie entsprechen praktisch dem Stand vom 30. April, mit der Maßgabe, dass fortan eine Stunde mehr täglich gearbeitet wird.[5]

In Northumberland und Durham hingegen, wo über 20.000 Bergleute beschäftigt sind, werden Lohnsätze angeboten, die einer Kürzung von rund zehn Prozent entsprechen und die Löhne auf das Mindestniveau des Jahres 1921 drücken.[3] Verheirateten Bergleuten in diesen Grafschaften wird allerdings freie Unterkunft oder eine entsprechende Beihilfe sowie Freikohle gewährt.[3] In Monmouthshire haben die Bergleute ihr Missfallen über die vorgelegten Bedingungen bereits kundgetan.[3]

Keine unmittelbare Rückkehr zur Arbeit

Das Gesetz soll nach Einschätzung des Temps spätestens Dienstag oder Mittwoch in Kraft treten.[5] Gleichwohl erwartet man in London keine sofortige und allgemeine Rückkehr der Bergleute unter Tage, sondern allenfalls eine schrittweise Wiederaufnahme des Betriebs in einzelnen Revieren.[5] Die Bergarbeiter verschiedener Bezirke kommen derzeit zusammen, um die neuen Bedingungen zu beraten.[3] Das Kabinett hielt zu diesen Fragen eine Vollsitzung ab, und der Kohlenpolitische Ausschuss des Ministerrats tagte ebenfalls, um über den Bericht der Kohlekommission zu beraten.[3]

Die Enttäuschung unter den Bergleuten ist derweil weit verbreitet. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung meldet, werden in zahlreichen Bezirken Entschließungen verabschiedet, die sich gegen Versuche wenden, die Arbeiter durch nicht eingehaltene Zusagen zu benachteiligen.[4] Die Regierung hofft, das Gesetz am Donnerstag endgültig verabschieden zu können.