In der letzten Fraktionssitzung der Deutschen Vereinigung im Sejm und Senat haben die Abgeordneten Utta und Spickermann sowie Senator Stüldt einen ausführlichen Bericht über ihre Erkundungsreise nach Wolhynien erstattet.[1] Das Bild, das sie von der Lage der deutschen Kolonisten zeichneten, ist erschütternd.[1]

Vor etwa fünfzig Jahren wurden zahlreiche Deutsche nach Wolhynien gerufen und auf Pachtland angesiedelt.[2] In langer, mühevoller Arbeit verwandelten sie die sumpfige, waldreiche Gegend in ein musterhaftes Anbaugebiet.[2] Als im Jahre 1924 ein Gesetz in Kraft trat, das den Pächtern den Ankauf ihres Landes ermöglichte, schuf der deutschfeindliche frühere Vizeminister Szulski durch eine besondere Verfügung die entscheidende Hürde: Nur wer das polnische Staatsbürgerrecht besaß und Polen nicht länger als ein Jahr verlassen hatte, durfte kaufen.[2] Die deutschen Siedler aber waren während des Weltkrieges von russischer Seite als Verräter verleumdet, ihr Land verwüstet und ihre Gebäude eingeäschert worden; sie selbst wurden ins Innere Russlands verschleppt und kehrten erst Jahre nach Kriegsende zurück.[2] Eben diesen erzwungenen Aufenthalt außer Landes nutzten die polnischen Behörden seither, um ihnen das Staatsbürgerrecht und damit das Bleiberecht auf dem von ihnen wiederaufgebauten Land zu verweigern.[2]

Die Abordnung der deutschen Fraktion traf die Kolonisten in einer Atmosphäre der Einschüchterung an. Die Versammlungsfreiheit ist in den Ostgebieten aufgehoben; selbst für die Berichterstattungsversammlung der Abgeordneten musste zuvor behördliche Genehmigung eingeholt werden.[1] Während der Zusammenkunft, an der Delegierte aus den Kirchengemeinden Luck, Szcze, Luczlin und Wladimir teilnahmen, überwachte eine größere Zahl von Geheimpolizisten das Geschehen.[1] Erst die Not und Verzweiflung öffneten den Anwesenden den Mund.[1]

Die Exmittierungen erfolgen auf brutalste Weise: Mobiliar, Inventar und selbst die Kleider der Betroffenen werden veräußert, der Erlös auf sogenannte Exekutionskosten angerechnet, und die Familien werden mittellos auf die Straße gesetzt.[2] In den nächsten Tagen stehen weitere Zwangsräumungen bevor: in Cäsaren 24 Familien, in Piskorowice 7 Familien, in Adamonka 21 Familien — diese Kolonie soll überdies noch 25.000 Zloty Gerichtskosten entrichten —, in Bogumilow 15 Familien und in Olska 34 Familien.[1][2] In der Schulpolitik ist die Verdrängung vollständig: In ganz Wolhynien gibt es keine einzige staatliche Schule mit deutscher Unterrichtssprache mehr.[1]

Ein polnischer Rechtsanwalt sagte den Abgeordneten während der Reise, die deutschen Kolonisten in Wolhynien seien das nützlichste, fleißigste und in kultureller Hinsicht am höchsten stehende Element, und was mit ihnen geschehe, sei ein Verbrechen sowie vom Standpunkt des polnischen Staatswesens eine grenzenlose Torheit.[1]

Die Deutsche Vereinigung im Sejm und Senat hat daraufhin beschlossen, unverzüglich die energischsten Schritte bei der Regierung zu unternehmen und die Frage der wolhynischen Deutschen zu einem ihrer wichtigsten Maßstäbe für ihre Haltung gegenüber der Regierung zu machen.[1] Zugleich soll eine Hilfs- und Beratungsstelle für die bedrängten Deutschen in Wolhynien eröffnet werden.[2]