Die Finanzdebatte in der französischen Kammer hat in den letzten Tagen den Franken in seinen schwersten Sturz seit Kriegsende getrieben. Als der Sozialistenführer Léon Blum am Mittwoch mit einer glänzenden Rede einen Teilerfolg für seine Partei verbuchen konnte, stieg das englische Pfund an einem einzigen Tag um acht Punkte — von 181,74 auf 189,80 Franc.[1] Am Donnerstag verschlimmerte sich die Lage noch: Das Pfund befestigte sich bis auf 193,58 Franc, der Dollar bis auf 39,80 Franc.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung vermerkt, dass der Frankenkurs damit einen bisher unerreichten Tiefstand erreicht hat und der Dollar sich einem Kurs von 40 nähert. Jedes Wort, das in der Kammer gesprochen werde, koste das französische Volk bares Geld.[2]

Der Pariser Matin zog aus diesen Schwankungen die Schlussfolgerung, dass die Verlängerung der politischen Krise die wesentliche Ursache der Bewegung sei, die seit acht Tagen beobachtet werde. Angelsächsische Devisenkäufe des Staates für Auslandszahlungen sowie die Wochenbilanz der Bank von Frankreich hätten mitgewirkt, doch die Hauptursache sei politischer Art. Eine rasche Lösung der Krise wäre das beste Mittel zur Besserung der Lage.[1]

Finanzminister Caillaux trat dieser Entwicklung mit einer langen und lebhaften Kammerrede entgegen. Darin setzte er sich fast ausschließlich mit Blums Gegenvorschlägen auseinander. Das Berliner Tageblatt urteilt, dass Caillaux den Eindruck des sozialistischen Angriffes stark abgeschwächt habe: Die dialektische Kunst Blums sei durch den größeren Dialektiker Caillaux überwunden worden.[1] Caillaux habe sogar nachzuweisen vermocht, dass das sozialistische System die paradoxe Wirkung haben würde, die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer zu machen. Die Wohlhabenden könnten sofort in entwertetem Geld zahlen, während die Ärmeren auf aufgewertetes Geld angewiesen seien.[1]

In der Sache wandte sich Caillaux zunächst gegen Blums Deflationsvorschläge. Eine Zwangskonsolidierung würde unweigerlich zur Inflation führen, da sie Vorschüsse notwendig mache.[1] Dem Vorwurf, neue Banknoten bedeuteten neue Inflation, begegnete der Minister mit dem Verweis auf die Erfahrungen Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslowakei: Dort habe man sehr wohl neue Banknoten ausgeben können, während die Stabilisierung im Gange war.[3][4] Die neuen Noten, die die Bank zur Einlösung fälliger Verteidigungsbons und Schatzwechsel ausgebe, fänden ihre volle Deckung in den aus Auslandsanleihen erwarteten Devisen und dürften daher nicht als Inflation bezeichnet werden.[4] Der Wechselkurs werde in Wirklichkeit durch die Zahlungsbilanz bestimmt, nicht durch die bloße Zahl umlaufender Banknoten.[3][2]

Gegenüber dem sozialistischen Plan einer Kapitalbesteuerung führte Caillaux aus, er selbst habe diesen Gedanken vor zehn Jahren im Krieg gemeinsam mit dem verstorbenen Ribot vertreten. Man habe jedoch darauf verzichten müssen, weil das Missverhältnis zwischen dem Anwachsen der Schulden und dem Kapitalbesitz Frankreichs zu groß sei.[1][3] Es sei schlechterdings unmöglich, von der Nation ein Opfer von 300 Milliarden Franc zu verlangen, das zur Begleichung der Staatsschulden nötig wäre.[1] Überall, wo man die Kapitalabgabe versucht habe, sei sie gescheitert oder habe sich in eine Übertreibung der Einkommensbesteuerung verwandelt; selbst in der Tschechoslowakei, wo sie unter günstigen Umständen versucht worden sei, habe sie nur bescheidenen Erfolg gezeitigt — und auch dort sei die Stabilisierung mit ausländischen Krediten gelungen.[2][4] Eine Kapitalabgabe würde zudem in der Hauptsache den Mittelstand treffen und nur zu neuer Kapitalflucht Anlass geben.[2]

Ebenso verwarf Caillaux den von Blum angeregten Gedanken, den Dawes-Plan den französischen Verhältnissen anzupassen. Blum habe zu sagen vergessen, wo er die Milliarden von Goldobligationen, für die er das französische Nationalvermögen zu verpfänden gedenke, flüssig machen wolle — im Inland sei das unmöglich, und das Ausland werde sie ebenso wenig aufnehmen wie bisher die deutschen Goldobligationen.[4] Was für Deutschland möglich gewesen sei, gelte für Frankreich nicht, da man gegenüber Deutschland gewisse Druckmittel ausüben könne, über die man gegenüber Frankreich nicht verfüge.[5]

Zum Kern seiner Stabilisierungspolitik erklärte Caillaux, die Regierung wolle eine vernünftige Revaluierung des Franken vornehmen und dann etappenweise zur Stabilisierung übergehen.[3] Die größten Schwierigkeiten lägen in der Frage der auswärtigen Kredite: England habe für gleiche Zwecke 800 Millionen Dollar benötigt, Frankreich werde mehr brauchen, zumal die Zahlungsbilanz passiv sei.[2] In dieser Lage sei man auf Hilfe angewiesen, die notwendigerweise von außen kommen müsse. Es bestehe zwar ein Zusammenhang zwischen dem verlangten Auslandskredit und der Begleichung der Kriegsschulden, doch werde diese Regelung unentbehrlich sein, damit Frankreich seinen vollen Kredit in der Welt zurückgewinne.[1] Caillaux kündigte dabei an, dass derzeit bedeutsame Verhandlungen im Gange seien, deren weitreichende Folgen die Kammer in voller Aktenkenntnis beurteilen werde; eine eigentliche Auslandsanleihe solle es nicht geben, sondern nur die Eröffnung von Krediten.[1][2]

Die Abstimmungsaussichten sind nach wie vor ungewiss. Die Badische Presse und das Harburger Tageblatt berichten übereinstimmend, dass die Sozialisten und Kommunisten in jedem Fall gegen das Kabinett stimmen werden, ebenso ein Teil der Radikalsozialisten.[3][6] Die republikanisch-demokratische Union knüpft ihre Haltung an eine Vertagung der Ratifizierung des Washingtoner Schuldenabkommens.[6] Die drei Gruppen der Linksrepublikaner, Linksradikalen und Unabhängigen Linken wollen unter gewissen Vorbehalten bezüglich der Auslandskredite eine Vertrauenstagesordnung einbringen.[6] Entscheidend dürfte die Gruppe Marin aus dem gemäßigten Lager sein, die nach Einschätzung mehrerer Blätter das Zünglein an der Waage bilde.[1][6] Die Mittagszeitung L'Information errechnete nach einer Parlamentsumfrage, dass der Regierung 280 Stimmen gesichert seien — mehr als gestern Abend noch angenommen, da ein Teil der Gruppe Marin für das Kabinett stimmen dürfte.[1] Die Sozialisten könnten laut demselben Blatt allenfalls auf die Kommunisten und 50 bis 60 radikale Stimmen zählen.[1]

Seit Caillaux' Rede hat sich der Franc leicht erholt. Am heutigen Freitagvormittag eröffnete das Pfund bei 188,77 Franc und notierte um 11 Uhr 25 Minuten bei 188 Franc; der Dollar stand bei 38,65 Franc.[1] Die Deutsche Allgemeine Zeitung fasst die Lage dahin zusammen, dass es jetzt nicht mehr so sehr darauf ankomme, was geschehe, als dass überhaupt etwas geschehe. Caillaux selbst habe diese resignierte Einsicht mit einem Zitat Cromwells angedeutet.[2]