Portugal hat innerhalb weniger Wochen seinen zweiten Staatsstreich erlebt. General Carmona, der erst Anfang Juni als Außenminister in das Kabinett des Diktators Da Costa eingetreten war, hat gestern in Lissabon die Regierung gestürzt und die Macht an sich gezogen. Der bisherige Ministerpräsident General Gomez da Costa ist auf Veranlassung Carmonas verhaftet worden und wird im Belém-Palast als Gefangener gehalten.[1]
Dem Sonderdienst der Deutschen Allgemeinen Zeitung aus Lissabon zufolge wird als Begründung für die Verhaftung angegeben, verschiedene Maßnahmen Da Costas seien politisch unklug und willkürlich gewesen.[1] Carmona hat das Amt des Ministerpräsidenten und des Kriegsministers übernommen und folgende Ernennungen vorgenommen: General Simões de Gordes übernimmt das Finanzressort, Dr. Manuel Rodrigues das Justizministerium, General Teixeira Botelho das Unterrichtsministerium, Jaime Afreixo das Marineministerium sowie Bettencourt Rodrigues das Auswärtige Amt und João Belo das Kolonialministerium.[1][2] Die Ministerien wurden am gestrigen Morgen vom 16. Regiment und am Nachmittag von einer Marinebrigade bewacht.[1]
Die Washington Post berichtet, die neuen Machthaber hätten in einer offiziellen Note erklärt, sie besäßen die Unterstützung von Heer und Marine und wollten das bisherige, von einer einzigen politischen Partei beherrschte Regime in eine Ordnung umwandeln, in der alle Portugiesen frei leben könnten.[3] Der Staatsstreich sei ohne Blutvergießen verlaufen.[3]
Die Vorgeschichte dieses erneuten Umsturzes reicht bis in die ersten Junitage zurück. Die Neue Freie Presse schildert in einem ausführlichen Bericht die Verwicklungen, die zum Bruch zwischen Da Costa und seinen Kabinettskollegen führten: Schon seit einigen Tagen vor dem Sturz hatte Da Costa eine strenge Pressezensur aufrechterhalten, hob diese dann aber unvermittelt auf.[1] Gleichzeitig entschloss er sich, drei seiner Minister zu entlassen — nämlich Außenminister General Carmona, Kolonialminister Major Ochoa und Innenminister Dr. António Claro.[1] Aus Solidarität mit diesen drei traten daraufhin auch die Minister für Marine, Justiz, Handel, Unterricht und Landwirtschaft zurück, was Da Costa akzeptierte.[1]
Um Carmona und Ochoa loszuwerden, bot Da Costa dem General den Posten eines Gesandten beim Vatikan und dem Major Ochoa einen Gesandtschaftsposten in Indien an. Beide lehnten ab, und dieser Versuch schlug fehl.[1] Carmona, den die Neue Freie Presse als einen der besonderen Vertrauensmänner der Armee bezeichnet, hatte die Lage genutzt, um die Unzufriedenheit der Streitkräfte hinter sich zu versammeln.[4]
Die tieferen Wurzeln der Krise reichen bis zur Militärerhebung vom Juni zurück. Damals war es zu einem Konflikt zwischen Vizeadmiral Cabecadas und General Da Costa über die Zusammensetzung der Regierung gekommen. Da Costa hatte sich in einem Armeebefehl gegen das ihm zugedachte Triumvirat verwahrt und erklärt, er stimme mit dem neuen Ministerium nicht überein und bleibe an der Spitze der Bewegung, die rein militärisch sei, im Interesse der Größe des Landes und der Wohlfahrt der Republik und der Armee.[4] Zwar kam es nach Vermittlungsgesprächen vorübergehend zu einer Einigung; doch die Lage blieb gespannt, und zivile Fachleute, die ins Kabinett aufgenommen worden waren, erklärten bald, sie gedächten, ihre Aufgaben nicht zu übernehmen.[4]
Nach Angaben des Hong Kong Telegraph, der sich auf eine Reuter-Meldung aus Paris stützt, war zunächst berichtet worden, ein Komitee aus drei Generalen und zwei Admiralen sei mit der Bildung eines Kabinetts unter Einschluss von Zivilisten beauftragt worden.[2] Die endgültige Kabinettsbildung verlief dann jedoch unter Carmonas alleiniger Führung.[1] Die Garnisonen von Lissabon, Porto, Santarém und Évora hatten sich auf die Seite der Aufständischen gestellt, woraufhin die bisherige Regierung auf jeden Widerstand verzichtete.[4]