Die Universität Jena hat Elisabeth Förster-Nietzsche, der Begründerin des Nietzsche-Archivs zu Weimar, anlässlich der Vollendung ihres achtzigsten Lebensjahres die Ehrendoktorwürde verliehen.[1] Die Auszeichnung gilt einer Frau, deren Lebenswerk untrennbar mit der Erschließung und Bewahrung des geistigen Nachlasses ihres Bruders Friedrich Nietzsche verbunden ist.
Nach dem geistigen Zusammenbruch des Philosophen hatte die Schwester zunächst dessen Handschriften und Briefe aufgespürt und gesammelt, wobei sie selbst nach Genua, Rapallo, Sorrent und Turin reiste, um verstreute Manuskripte zu bergen.[1] Eine Kiste wertvollster Handschriften, die jahrelang in Genua zurückgeblieben war, konnte so der Nachwelt erhalten werden.[1] Im Frühjahr 1894 gründete sie das Nietzsche-Archiv in Naumburg; zwei Jahre später verlegte sie es nach Weimar, wo es seither als Mittelpunkt der Nietzsche-Forschung dient.[1]
Die Neue Freie Presse würdigt in einem ausführlichen Rückblick, dass ohne diesen Einsatz der größere Teil der für das Verständnis von Nietzsches Gesamtschaffen grundlegend wichtigen Nachlassschriften verloren gegangen wäre.[1] An der von Förster-Nietzsche betreuten Gesamtausgabe — sechs Werkbände und sechs Briefbände — haben im Laufe der Jahrzehnte namhafte Gelehrte mitgewirkt, darunter Professor Raoul Richter, Geheimrat Professor Crusius und Dr. Richard Öhler.[1]
Die Freude über die Ehrung wird durch eine ernste Sorge gedämpft: Die Inflation hat das Stiftungsvermögen des Archivs vernichtet, und der bevorstehende Ablauf der Schutzfrist gefährdet den Fortbestand des Unternehmens.[1] Sollten keine durchgreifenden Vorkehrungen getroffen werden, sieht die nunmehr Achtzigjährige ihre über drei Jahrzehnte aufgebaute Schöpfung am Lebensabend in ihrer Existenz bedroht.[1]