In knapp sechs Stunden haben der französische Finanzminister Joseph Caillaux und der britische Schatzkanzler Winston Churchill gestern Abend das seit Monaten schwebende Schuldenabkommen zwischen Frankreich und Großbritannien unterzeichnet und damit eine der drängendsten Finanzfragen der Nachkriegszeit einer Lösung zugeführt.[1][2] Der Text des Vertrages wird heute Abend veröffentlicht werden.[3] Churchill will morgen im Unterhaus eine förmliche Erklärung abgeben und die einschlägigen Dokumente auf dem Tisch des Hauses niederlegen.[4][3]

Caillaux traf gestern Mittag gegen ein Uhr auf dem Flugplatz Croydon ein — es war sein erster Flug in einem Luftfahrzeug überhaupt.[2][5] Er begab sich sofort zur französischen Gesandtschaft, wo Churchill kurz darauf erschien.[2] Eine erste Besprechung wurde um halb vier Uhr unterbrochen, weil sich der Schatzkanzler ins Unterhaus begeben musste; die zweite Unterredung begann um sechs Uhr, und um halb acht Uhr abends war das Abkommen zustande gekommen.[1] In einer Depesche, die Caillaux noch am selben Abend nach Paris sandte, hieß es, zwischen ihm und Churchill sei in allen schwebenden Punkten ein vollkommenes Einvernehmen erzielt worden.[1]

Das Berliner Tageblatt erfuhr von gut unterrichteter Seite, dass die erste französische Jahreszahlung der englisch-italienischen Schuldenregelung entsprechen und damit etwa 4,4 Millionen Pfund betragen werde.[6] Den Berichten des Westfälischen Merkur zufolge belaufen sich die Jahresraten bis 1931 auf 4 bis 6 Millionen Pfund; erst danach steigen sie auf 10 bis 12 Millionen Pfund.[2] Die Washington Post gibt die volle Jahreszahlung, die ab dem sechsten Jahr zu entrichten sein soll, mit 12,5 Millionen Pfund an; die Gesamtlaufzeit beträgt 62 Jahre.[7] Für die erste Gruppe der Zahlungen ist dem Havas-Vertreter in London zufolge ein Moratorium vorgesehen, und die Schutzklausel sieht eine Revision des Abkommens vor, falls die deutschen Reparationszahlungen in einem bestimmten Verhältnis unter den von Frankreich und England zu leistenden Betrag absinken.[3] Das Berliner Tageblatt bezeichnet gerade diese Sicherheitsklausel als das Wichtigste des ganzen Übereinkommens: Churchill komme damit dem französischen Verlangen entgegen, die eigenen Zahlungen an den Eingang der deutschen Reparationen zu knüpfen.[6] In dieser Hinsicht unterscheidet sich die englisch-französische Vereinbarung ausdrücklich vom Mellon-Bérenger-Abkommen zwischen Frankreich und den Vereinigten Staaten, das eine solche Klausel nicht enthält.[7]

Nach Angaben des Westfälischen Merkur soll außerdem die Bank von England 500 Millionen Goldfranken aus dem hinterlegten Depot an Frankreich zurückerstatten.[2] Die Washington Post berichtet, das in der Bank of England hinterlegte französische Gold im Gesamtwert von 50 Millionen Pfund werde künftig als Teil der Reserve der Banque de France angerechnet.[7] Ferner sei vereinbart worden, dass Frankreich Anteile an den Überschüssen erhalte, die aus den alliierten und deutschen Zahlungseingängen entstehen, und dass eine Transferklausel analog der englisch-italienischen Regelung eingefügt werde.[3] Das Berliner Tageblatt hebt hervor, dass der Vertragstext in den letzten Tagen durch Sachverständige beider Länder im Entwurf bereits fertiggestellt worden war; entscheidend dafür soll eine längere Besprechung am Sonntag zwischen dem französischen Finanzinspektor Barnaud und Sir Otto Niemeyer vom englischen Schatzamt gewesen sein.[6] Barnaud und der Finanzattaché der französischen Botschaft, Ponhanne, überreichten Caillaux das Abkommen unmittelbar nach dessen Landung in Croydon, so dass die eigentliche Unterzeichnung nach einer einmaligen Aussprache der beiden Minister möglich war.[6]

Nach der Unterzeichnung äußerte sich Caillaux gegenüber der Presse zurückhaltend zufrieden: Er hoffe, dass das Abkommen günstig auf den Franc zurückwirken werde, doch — mit einem Achselzucken — sei er nicht Herr der Ereignisse.[5] Der Franc war im Laufe des gestrigen Tages noch weiter gefallen. Die Neue Freie Presse verweist auf den Pariser Schlusskurs von 193,85 Franken für das Pfund und 39,87 für den Dollar; nach Börsenschluss stieg das Pfund noch auf 198 Franken.[4] Schon bei Caillaux' Ankunft in London hatten alle romanischen Währungen an der Londoner Börse erheblich nachgegeben: Der belgische Franken notierte mit 218 für das Pfund auf einem neuen Tiefstand, die französische Währung mit 191, die italienische Lira mit 143.[1][2] Nach der Bekanntgabe der Einigung schloss der Franc in London bei 197.[5]

Die Neue Freie Presse liefert eine ausführliche Erklärung dafür, warum das Abkommen erst jetzt — und nicht früher — zustande kam. Churchill habe, beraten von der City, lange darauf bestanden, von Frankreich im ersten Jahr acht, in den folgenden vier Jahren zehn Millionen Pfund Jahreszahlungen zu beanspruchen. Man sei auf englischer Seite davon ausgegangen, dass ein unvermeidlicher Zusammenbruch des Franc irgendeinen französischen Finanzminister früher oder später nötigen werde, englische Bankenhilfe durch weitgehende Zugeständnisse in der Schuldenfrage zu erkaufen. Nach Ausbruch des Kohlenstreiks habe Churchill das Unterhaus eines Tages durch die Mitteilung überrascht, Frankreich werde im ersten Jahr nur vier Millionen Pfund zahlen; Englands Nachgiebigkeit sei durch die veränderte eigene Haushaltslage bedingt gewesen, da Churchill mit erheblichen Steuerausfällen infolge des Streiks und des Rückganges der Produktion rechnen musste.[4]

Die Neue Freie Presse erwähnt zudem, dass ein Teil der Verhandlungen sich noch mit der Errichtung einer französischen Wechselkurs- und Börsenkommission in London befasst habe, die dort die Interessen der Banque de France und des Schatzamtes vertreten soll.[4] Caillaux wird nach Angaben des Berliner Tageblatt bereits heute Morgen nach Paris zurückfliegen, um an einem Frühstück im dortigen Kriegsministerium teilzunehmen; für die Klärung der portugiesischen Schulden rechnet man in London damit, dass eine entsprechende Kommission aus Lissabon etwa am 15. Juli eintreffen werde.[6]